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Aquariumsnot

Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden sich vielleicht noch erinnern: Zunächst hatten wir uns hier an die Meerwassertardigraden gar nicht so richtig herangetraut. Ausufernde Internetdiskussionen über die komplizierten physiko-chemischen Bedingungen im Meerwasser-Aquarium wirkten abschreckend genug. Bei den ersten Meerwasserproben aus dem Hafenbecken von Lissabon waren wir ohnehin davon ausgegangen, daß die dort gefundenen Meerwasser-Bärtierchen der Art  Echiniscoides sigismundi  im Zahnputzbecher auf einem Münchner Fensterbrett nicht besonders glücklich sein könnten und mit Sicherheit nach wenigen Tagen allesamt zugrunde gegangen sein würden.
Ratschläge von Profibiologen hatten den Rest besorgt und unsere Hoffnungen auf ein Bärtierchen-Mikro-Meerwasseraquarium noch weiter unterminiert ("Sie sollten derartige Proben gleich vor Ort in Formalin fixieren ..."). In Anbetracht der befürchteten Probleme mit fischig stinkenden, hoffnungslosen Wassersituationen besorgten wir uns von Anfang vermeintlich notwendiges, 'schwer-wissenschaftliches' Gerät. So wie der Arzt sein Stethoskop bei sich trägt, so wie der Elektriker sein Multimeter, genauso dachten wir, müsse der Meerwasseraquarianer zumindest ein Meßgerät zur Bestimmung des Salzgehaltes einsetzen. Hier ist es:


[ Refraktometer zur Salinitätsmessung ]

Refraktometer zur Salinitätsmessung.


[ Refraktometer zur Salinitätsmessung ]

Refraktometer zur Salinitätsmessung. Nahaufnahme von der Messzellenoberfläche (blau).


Dank der gnadenlosen Globalisierung können Sie ein derartiges Gerät recht preiswert bekommen. Die Messung ist sehr einfach: Man bringt einen Tropfen des zu messenden Meerwassers auf die blaue Glasfläche auf und legt die Kunststoffklappe auf, so daß der Tropfen sich gleichmäßig und ohne Luftblaseneinschlüsse verteilt. Anschließend richtet man das Refraktometer wie ein Fernglas auf eine helle Fläche und liest einfach ab:


[ Refraktometer zur Salinitätsmessung ]

Salinitätsmessung mit dem Refraktometer. Ablesung des Meßwerts (Ostseewasser); Links die Dichte (Specific Gravity), rechts der zugehörige Salzgehalt: 15 Promille. Atlantikwasser zum Beispiel hätte einen mehr als doppelt so hohen Salzgehalt.


So weit, so gut. Wir konnten nun in allen unseren Meerwasserproben den Salzgehalt messen. Da die Mikroaquarien immer verschlossen bzw. sehr gut abgedeckt aufbewahrt wurden, stellten wir, auch über Monate hinweg, keine nennenswerten Änderungen fest. Kein Wunder, es konnte ja kein Wasser verdunsten.
Den Bärtierchen ging es prächtig, sie ertrugen die schwankenden Temperaturen genau so problemlos wie den Mangel an Frischwasser - im Gegensatz zum Meer hatten unsere Meerwassermikroaquarien ja nur Schnapsglasvolumina. Der vermeintlich wissenschaftliche Ansatz erwies sich insofern als gänzlich überflüssig!

Erst nach etwa 9 Monaten stellten wir augenscheinlich gravierende Veränderungen, besonders in den fensternah aufgestellten Behältnissen fest. Grüne Algen übernahmen die Macht im Aquarium, große und kleine, sessile und lianenartig-schleimig durch das Wasser mäandrierende Arten, die abgeschöpft werden konnten, jedoch nie vollständig zu beseitigen waren. Die Invasion begann meist ausgehend von den kleinen, wei▀lichen Calcitkörnchen und bemächtigte sich nach und nach des ganzen Aquariumvolumens. Etwa gleichzeitig verschwanden die Bärtierchen. Unter den genannten Umständen noch agile Fadenwürmer, Milben, Muschelkrebse und Protozoen waren, wie Sie angesichts unseres Interessengebietes sicherlich verstehen werden, kein Trost.


[ Algenwachstum im Mikroaquarium ]

Zunehmendes Algenwachstum im Mikroaquarium, unter dem Stereomikroskop betrachtet. Bei uns ging der Bewuchs bevorzugt von hellen, calcitischen Gesteinsbröckchen - wie oben im Bild - aus.


Aus den Experimenten habe wir einiges gelernt, was wir hier gerne in komprimierter Form an Sie weitergeben möchten:

(1) Mikro-Meerwasseraquarien können als dankbare, lange haltbare Mikrobiotope dienen
(2) Es gibt deutlich mehr zu sehen und zu lernen als etwa bei einem Spaziergang
(4) Meerestardigraden lassen sich so mindestens 9 Monate am Leben halten
(5) Für schulische Zwecke und für Mikroskopie-Amateure ideal
(6) Keinerlei Chemikalien oder spezielle Geräte erforderlich
(7) Keine Fütterung nötig (die Bärtierchen fressen vorhandene Mikroalgen)
(8) Schon eine leere Filmdose aus der Analogzeit reicht als Aquarium aus!

Optimale Ergebnisse erzielen Sie vor allem dann, wenn
(1) nur ca. 2 mm hoch Sand mit ca. 5 mm hoch Wasser überschichtet werden
(2) nur extrem wenig Biomasse enthalten ist (statt dessen hauptsächlich Sand und Muschelbruch)
(3) das Mikroaquarium ziemlich verdunstungsdicht abgedeckt ist
(4) das Mikroaquarium an einem nicht zu hellen, nicht besonnten Fensterbrett steht (~100 Lux)

Probieren Sie es unbedingt selbst aus!


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© Text und Film von  Martin Mach