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Mikroskop-Oldtimer und das fotografische Universalheilmittel M42 (I)

Es geht in diesem und den folgenden Journalen - wieder mal - um praktikable Lösungen für die Bärtierchen-Beobachtung und die Bärtierchen-Fotografie. Klar, mechanisch hochwertig, ultrapreiswert, stackingsoftwaretauglich, universell einsetzbar und nicht zu sperrig soll das Ganze sein - man will die Teile ja auch mal unterwegs einsetzen. Somit stünden wieder mal alle Eigenschaften der eierlegenden Wollmilchsau auf dem Wunschzettel.

Beginnen wir mit dem wunschgemäß absolut perfekten Stereomikroskop: Der hoffnungsfrohe Blick des geduldigen Internetkonsumenten fällt vielleicht als erstes auf ein ganz bestimmtes, erfreulich kompaktes Marken-Stereomikroskop mit 20facher Vergrößerung, an das sich seitlich eine zeitgemäße System- oder Spiegelreflexkamera andocken lässt. Leider kommentiert ein Käufer, dass man von dem Gerät keine professionellen Fotos erwarten dürfe, ein anderer bemängelt Plastik-Feeling und lästiges Geknarze. Und dann wäre da noch der Preis von bis zu € 1000 (je nach Modellvariante und Bezugsquelle).

Es gibt jedoch andere Möglichkeiten, von denen wir eine hier vorstellen möchten. Kommerziell schnöde unterbewertet und in unglaublichen Mengen verfügbar sind alte Leitz-Stereomikroskope, wie das folgend gezeigte mit der Seriennummer 582419, die auf das Baujahr 1961 verweist:


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Abb. 1: Leitz Stereomikroskop FG II, Baujahr 1961. Höhe 25 cm, Gewicht 2305 Gramm. Dieses Mikroskop wurde in mehreren Optik-Ausstattungsvarianten angeboten. Wir haben uns, angesichts unserer wirklich winzigen Prinzen und Prinzessinnen die am stärksten vergrößernde Variante gekauft, und zwar die mit den 15er Okularen und einer Gesamtvergrößerung von 30fach. Dies ist für die terrestrischen Bärtierchen optimal und reicht auch für die, noch eine Nummer kleineren Meeresbärtierchen aus. Man beachte ganz nebenbei den Stilbruch vom altehrwürdigen Instrumentenschwarz zum damals wohl als modischer erachteten, grauen Hammerschlaglack.
Bauweise: klassisch teutonischer Panzerschrank.

Zugegeben, der Kauf war ein Schuss ins Blaue. Den altgedienten Mikroskopiker beschleichen beim Blick auf obiges Bild so einige Zweifel:

Ist das Öl im Fokustrieb womöglich verharzt? Nein, ist es nicht.
"Kriecht" der Fokus nach unten (sehr lästig beim Fotografieren!)? Tut er nicht.
Staub von 60 Jahren auf den Prismen, au weia? Nein (extra Prismen-Sperrglas!).
Winziges Blickfeld wie bei den meisten alten Optiken? Nein, erstaunlich weites Sehfeld.
Macht es Sinn, mit einem Greenough-Typ Stereomikroskop zu fotografieren? Ja!
Macht es Sinn, mit einem Greenough-Typ Stereomikroskop zu stacken? Ja!


Beginnen wir mit dem letzten Punkt, dem Stacken. Ausnahmsweise hatten wir mal kein Bärtierchen-Tönnchen zur Hand. Es ist deshalb das pochende Herz einer Swatch geworden (der Rotor des Schrittmotors in einer Swatch®-Armbanduhr):


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Abb. 2: Aufnahme des, von vorne durch das Uhrglas sichtbaren Magnetrotors einer Melodiewecker-Swatch "Musicall Blue through" (Baujahr 1995). Die Blue through hat, wie der Name schon andeutet, ein durchbrochenes Ziffernblatt, das den Blick auf die elektronischen Innereien freigibt. Die Aufnahme wurde mit dem in Abb. 1 gezeigten Leitz Stereomikroskop angefertigt. Das gezeigte Endbild entstand mit Hilfe der Stacking Software "Zerene Stacker" aus 10 Einzelaufnahmen. Den Nikon Mikroskopie-Fotowettbewerb werden wir mit diesem Foto sicherlich nicht gewinnen. Es reicht aber aus, um die grundsätzliche Wirkungsweise der beiden Stifte des winzigen Schrittmotor-Rotors gegenüber dem zentralen Zahnrad zu dokumentieren. Auf Bärtierchen-Verhältnisse übersetzt misst der Durchmesser der goldgelben Deckplatte des Schrittmotors 10 Echiniscen-Körperlängen (3 Millimeter).


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Abb. 3: Der oben gezeigte Schrittmotor befindet sich auf der Swatch Musicall fast zentral, in Position 1 Uhr. Ihre Gehäusebreite beträgt ca. 100 Echiniscen (33 Millimeter).
Man beachte die, im Durchlicht schwebend erscheinenden Kupferdrahtspulen - "Blue through!"
Exkurs: Wozu diese Uhr vier Schrittmotorspulen braucht? Es handelt sich um wirklich bizarres Nostal-Tech: Wenn man einmal auf die Krone drückt, schaltet sie in den Wecker-Kontrollmodus (beide Zeiger deuten auf die "9"). Sofort anschließendes, wiederholtes Drücken aktiviert/deaktiviert den Wecker (beide Zeiger auf "8 - ON" bzw. "10 - OFF"). Nun beginnt von ganz alleine ein merkwürdig surrealer Zeigertanz: Stunden- und Minutenzeiger brausen flott umher, zeigen kurz die eingestellte Weckzeit, flirren dann weiter in den Uhrzeitmodus, machen unvermittelt Halt und zeigen wieder ganz brav die ganz normale Zeit. Nach 24 Jahren hält diese vermeintliche Wegwerf-Uhr die Zeit immer noch auf besser als 2 Sekunden pro Monat genau - auch wenn das natürlich keine Rolle spielt, nachdem sie ja keinen Sekundenzeiger hat. Summa summarum eindrucksvoller technischer Overkill in Plastik, mit bravouröser Nachhaltigkeit: Der hier praktizierte Verzicht auf einen Sekundenzeiger schont die Schrittmotoren und die Mechanik, wodurch sich das ansonsten zu befürchtende Wartungs- bw. Wegwerfintervall episch verlängert. Geweckt wird mit einer Sequenz von Piepstönen, angeblich einer Melodie von Philip Glass, wobei die Klangcharakteristik rührend-nostalgisch an die längst vergessenen, ein wenig kläglich tönenden Glückwunschkarten aus den 1990er Jahren erinnert.


Wenn die Aufnahmebedingungen günstiger sind als bei der, schwieriger zu beleuchtenden Armbanduhr, können wir mit dem Leitz-Stereomikroskop sogar noch einen nur 2 mm (!) breiten Objektbereich mit immer noch einigermaßen befriedigendem Ergebnis abbilden:


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Abb. 4: Detail des Druckkopfes eines Tintenstrahldruckers. Zentraler Bildausschnitt eines mit Hilfe des Leitz Stereomikroskopes aufgenommenen Fotos. Objektbreite 2 mm.



Ein weiteres Bildbeispiel:


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Abb. 5: "Zwergdiamanten" (für eine kommerzielle Nutzung zu kleine Diamanten). Hier zeigt sich eine, bei voller fotografischer Sehfeldnutzung im Randbereich abfallende Bildqualität, welche allerdings im Falle der Bärtierchen nicht ernsthaft stören würde. Bildbreite 5,5 mm.


Okay, es hat natürlich nicht gestimmt, dass wir kein Tönnchen zur Hand hätten. Das Stacking-Bild von der Swatch musste halt auch gezeigt werden. Aber hier kommt es jetzt, das "Tönnchen":


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Abb. 6: Bärtierchen-"Tönnchen", mit dem Leitz Stereomikroskop fotografiert. Bildbreite 5,5 mm. Das Ausschnittfenster wurde um ca. Faktor 2 nachvergrößert und etwas nachgeschärft. In dieser Situation sind allerdings die Grenzen des 2fach Objektivs definitiv ausgeschöpft. Mehr sollte man fairerweise von einem Stereomikroskop auch nicht erwarten.


Wie der simple Foto-Adapter für das Leitz Stereomikroskop beschaffen ist? Und wie man die vermeintliche Foto-Untauglichkeit des Greenough-Typs gut kompensieren kann? Das verraten wir in der nächsten Ausgabe des Journals.



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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach