[Titelfragment 1.1] [Titelfragment 1.2] Titelfragment 1.3]
[Titelfragment 2.1] [Titelfragment 2.2] [Titelfragment 2.3]
[Titelfragment 3.1] [Titelfragment 3.2] [Titelfragment 3.3]



Einfach aufklauben, fischen oder fangen? (Probenahmetechniken I)

Eine Menge naturkundlicher Untersuchungsobjekte liegt uns buchstäblich zu Füßen. Manchmal müssen wir uns lediglich bücken und sie einfach vom Boden aufklauben, wie beispielsweise die zig Millionen Jahre alten, versteinerten Foraminiferen in Lopar, auf der kroatischen Insel Rab.


[ Landschaftaufnahme von Lopar, Insel Rab ]

Typisches Szenario in Lopar, auf der kroatischen Insel Rab.

[ Fossile Foraminiferen in Lopar, Insel Rab ]

Fossile Foraminiferen in Lopar, Insel Rab.

[ Fossile Foraminifere aus Lopar, Makroaufnahme ]

Ca. 2 cm große, fossile Foraminifere aus Lopar, einfach vom Boden aufgehoben. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich hier sogar feinste Oberflächendetails über Jahrmillionen erhalten haben.

Als eingeschworene Mikroskopiker wissen wir natürlich, daß sich die quicklebendigen neuzeitlichen Geschwister dieser Foraminiferen (andere, kleinere Arten) ebenfalls einfach vom Boden aufheben lassen, allerdings vom Meeresboden. Das Wasser muß hierfür nicht einmal tief sein, Foraminiferen sind in vielen Meeren, auch im Mittelmeer, praktisch allgegenwärtig.


[ Lebendige Foraminifere aus Lopar ]

Lebendige Foraminifere aus dem Meersand von Lopar, Gehäusedurchmesser ca. 1 mm.

Auch die kleinen Moospolster mit den terrestrischen Bärtierchen können wir einfach abpflücken, haben es insofern wirklich leicht mit der Probenahme. Schwieriger wird es, wie schon früher ausführlich geschildert, bei den marinen Bärtierchen. Wenn wir Batillipes Tardigraden betrachten wollen, kann es zwar bereits ausreichen, ein wenig Sand aus dem Meerwasserspülsaum einzulöffeln. Schon etwas anspruchsvoller gestaltet sich die Aufgabe, wenn der Meeresboden auch nur in einer Tiefe von drei Metern abgefischt werden soll. Da hilft normalerweise nur Schnorcheln. Was aber, wenn die interessierende Lokalität sich am Boden eines Hafenbeckens befindet, wenn wir kein Badezeug mitgenommen haben usw.?


In der meereskundlichen und süßwasserbiologischen Fachliteratur findet sich eine Reihe wirklich prächtiger Beprobungssysteme, angefangen von der Dredsche, d.h. einem baggerschaufelartig über den Meeresboden hinweggeschleiften Gerät, über technisch ausgefuchste Einkapselungssysteme, die das beprobte Volumen noch unter Wasser hermetisch abdichten, bis hin zu modernsten Unterwasserrobotern - selbstverständlich mit programmierter Steuerung und Videokontrolle.


Als Touristen nahmen wir an einer Bootsfahrt mit Fischzug teil, die von der kratischen Insel Rab zur Westseite der Insel Pag führte. Wir hofften, hier von den Vollblutfischern für unsere Bärtierchen-Probenahme zu lernen. Schmerzlich bewußt wurde uns bei dieser Gelegenheit wieder einmal, wie zwangsläufig brutal unsere, nur allzu menschliche Suche nach tierischem Protein verläuft. Auch müssen wir anerkennen, daß die klassische (Nahrungs-)Fischerei eine furchtbar aufwändige, äußerst mühselige und keineswegs immer von grandiosem Erfolg gekrönte Arbeit ist.


[Fischerei 1]

[Fischerei 2]

[Fischerei 3]

[Fischerei 4]

Nach dieser nicht weiter überraschenden Erfahrung war uns jedenfalls bewußt geworden, daß wir auch beim Bärtierchenfischen sicherlich vergleichbar destruktiv einwirken, uns jedoch die Zerstörungen, weil nur unter dem Mikroskop nachweisbar, verborgen bleiben. Deshalb möchten wir wir an alle Spaßfischer, aber sogar auch an die Mikroskopierer appellieren, bei den Fischzügen moderat vorzugehen. Auch die Profibiologen sehen das nicht anders. Wir erlauben uns in diesem Zusammenhang den verstorbenen Ozeanologen Wolfgang Luther zu zitieren, der den allgemein wünschenswerten Verhaltenskodex für die maritimen Probenahmen in seinem Lehrbuch über die Mittelmeer-Unterwasserfauna wie folgt definiert:

"Es ist leider nicht ganz überflüssig, hier noch auf die für einen sauber empfindenden Menschen an sich selbstverständliche Tatsache hinzuweisen, daß das Sammeln und Konservieren von Seetieren nur dann einen Sinn hat, wenn der Sammler auch ernstlich die Absicht hat, etwas Vernünftiges damit anzufangen. Wenn auch die Lebensreserven des Meeres fast unerschöpflich sind und die Vergeudung von Lebendigem z.B. bei der Berufsfischerei weit größer ist, so ist doch jedes nutzlose Sammeln und Abtöten von Meerestieren Aasjägerei und eines zivilisierten Menschen unwürdig. Es ist kein schöner Anblick, wenn man an den verlassenen Lagerplätzen von sog. Sporttauchern ganze Berge von verfaulten Seesternen und die Mumien harpunierter und dann weggeworfener Fische findet. Es gab eine Zeit, in der an der deutschen Nordseeküste die Jagd auf Seevögel außerhalb der bewachsenen Strandlinie frei war, und es gab damals Badegäste, die sich ein Vergnügen daraus machten, die vorbeifliegenden Möwen und Seeschwalben dutzendweise abzuschießen. Das hat heute aufgehört. Aber unterhalb der Strandlinie, in der Welt unter Wasser, sind wir leider noch nicht so weit."


Da unser Text-, Bild- und (diesmal vor allem) Zeitlimit an dieser Stelle bereits überzogen ist, müssen wir unsere Leserinnen und Leser im Hinblick auf die Beschreibung der neu entwickelten, spezialisierten Meeresbärtierchen-Fischvorrichtung leider auf die Dezemberausgabe vertrösten und bitten hierfür um Verständnis.



Literatur

Wolfgand Luther und Kurt Fiedler: Die Unterwasserfauna der Mittelmeerküsten. 2. Auflage, Hamburg und Berlin 1967, S. 194.


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach