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Brodelndes Mikroaquarium

Bei Prerow streckt der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft eine kleine Nase spitz in die Ostsee. Etwa in Position 54.471098, 12.526624 (die Koordinaten passen zur direkten Copy-Paste-Eingabe bei Google Maps), ein kleines Stück südlich der Ausfahrt des dortigen kleinen, rechteckigen Hafenbeckens hatten wir Ende April eine kleine Flachwasser-Sandprobe und zugehöriges Meerwasser entnommen. Leider befand sich direkt unter dem Oberflächensand eine stark nach Schwefelwasserstoff riechende, dunkle Schlammschicht, die unsere Hoffnungen auf etwaige Bärtierchen schon aufgrund ihres strengen Geruchs schwinden ließ. Unter dem Mikroskop fanden sich dann auch tatsächlich nur einige wenige, unscheinbare Ciliaten und viele (leere) Gehäuse winziger Meeresschnecken. Zuhause in München wollten wir die mühsam in der Fremde gewonnene Probe nicht einfach wegschütten. Wir taten das, was man immer tut, wenn man nicht weiterkommt, aber auch nicht aufräumen will: nichts. Ein paar Monate lang stand die Probe unbeachtet auf dem Fensterbrett unseres schattigen Westfensters. Der Schwefelwasserstoffgeruch ließ nach und verschwand.


[ Mikroaquarium mit Sand und Wasser von der Ostsee ]

Blick in unser Ostseewasser-Mikroaquarium (Einmachglas mit 7 cm Durchmesser), von oben gesehen: Wir sehen nichts Spektakuläres, lediglich einige größere Muschelschalen und Schnecken, viele kleine Schneckengehäuse und ein wenig Sand.


Vor dem endgültigen Wegschütten schaute dann doch noch jemand mit der Stereolupe hinein, und, siehe da, alles war voll von Bärtierchen! Der Sand schien unter dem Mikroskop regelrecht zu brodeln:


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Dicht mit Bärtierchen besiedeltes Mikroaquarium. Aufnahme von oben. Die Sandkörner tanzen durcheinander, fast so als würde das Wasser kochen. Video (~ 1 MB).

Dann kam der schnelle, extrem heiße Sommer 2010. Die Temperatur in unserem Mikroaquarium stieg und stieg, auf 23 C.


[ Mikroaquarium mit Sand und Wasser von der Ostsee ]

Ostseewasser-Mikroaquarium (Einmachglas), während der Sommerhitze, von der Seite gesehen. Das Thermometer zeigt 23C !

Bange fragten wir uns, wie lange die Bärtierchen das wohl durchstehen würden. Schließlich hatten wir in einer ehrwürdigen Schrift des neapolitanischen Meeresaquariums gelesen, daß der ständige Zufluß von kaltem, sauerstoffgesättigtem Wasser essentielle Voraussetzung für den Betrieb eines Meerwasseraquariums sei.


[ Aquarium Neapolitanum ]

Zoologische Station Neapel: Aquarium Neapolitanum. Neapel 1925 (enthält kluge und klar formulierte Hinweise zum Betrieb von Meerwasseraquarien).


Aber sie haben es geschafft und heute, im Oktober, leben immer noch Bärtierchen im Aquarium, wohlgemerkt ohne einen einzigen Wasserwechsel und ohne Füttern, jedoch gut genährt, anscheinend im Gleichgewicht mit winzigen Mikroalgen.


Dank der hohen Besiedlungsdichte des Mikroaquariums sahen wir nun erstmals eine Chance, auch nach den unscheinbaren Eiern von Meerestardigraden zu suchen. Die Eier gelten auch in Fachkreisen als praktisch unsichtbar. Der berühmte Tardigradenforscher Ernst Marcus notierte ein wenig frustriert:

"Obwohl wir [...] die Ductus deferentes von lebenden Spermatozoen erfüllt gesehen und reife Weibchen wie Jungtiere in großer Zahl in unseren Kulturen getroffen haben, konnten wir über Copulation und Eiablage nichts Sicheres erfahren. Die Eier dürften frei abgelegt werden, denn Gelege in abgeworfenen Hüllen hätten in einem so reichlichen Material nicht übersehen werden können."


Mehr darüber in einem der nächsten Journale.



Literatur

Ernst Marcus: Zur Anatomie und Ökologie mariner Tardigraden. Zoologische Jahrbücher / Abteilung für Systematik, Ökologie und Geographie der Tiere, 53 (1927) S. 537.


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach