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Beresheet und Arno Schmidt

Anfang August erreichten sie uns, sternschnuppengleich-reichlich, die Mails mit Hinweisen auf den Crash der bärtierchenhaltigen Mondlandefähre "Beresheet".

Ob wir denn dazu eine Meinung hätten? Und da war sie wieder, die alte Zwickmühle: Einerseits möchten wir uns nicht im Reigen der dumpf-echotischen Weiterzwitscherer wiederfinden, andererseits aber auch nicht als selbstverliebte Autisten dastehen, die lediglich im eigenen Saft dahinschmoren und dabei die Leistungen der Umgebung auszublenden trachten.


Natürlich ist schon alleine die Berechnung der Trajektorien für die Reise zum Mond eine intellektuelle Meisterleistung, für die man die israelischen Ingenieure gar nicht genug loben kann. Selbstverständlich hatte uns auch niemand gefragt, ob wir es für sinnvoll hielten, die gesamte Bevölkerung einer Bärtierchen-Kleinstadt einzuschläfern und auf den Mond zu schießen. Was hätten wir auch groß dazu sagen sollen? Vielleicht, dass der "carbon dioxide footprint" dieser Aktion strikt zu verdammen sei oder dass man, ganz im Sinne von Greta Thunberg, nicht einfach leichtfertig zum Mond fliegen solle? Das wäre natürlich nur selbstgerechter, moralinsaurer Unsinn. Man muss den Menschen einfach ihre Träume zugestehen, sei es nun der Glaube an die eigene intellektuelle Überlegenheit, an die Möglichkeit der jungfräulichen Empfängnis, die Unfehlbarkeit eines Religions-Oberhauptes - egal welcher Verblendungsrichtung - oder eben der Glaube an die Unsterblichkeit der Bärtierchen.


Statt nun weiter in philosophische, flachpolitische und religiöse Fettnäpfchen einzutunken, sollten wir wohl besser eine Zusammenfassung der Beretsheet-Fakten vorlegen:

"Beresheet" ist der Name einer privat finanzierten, israelischen Raumfahrt-Mission. Die Mondlandefähre wurde vom israelischen non-profit Unternehmen SpaceIL entwickelt. Sie startete am 22. Februar 2019 von Cape Canaveral, auf der Nase einer US-amerikanischen Falcon 9 Rakete. In der letzten Anflugphase zur Mondoberfläche am 11. April fiel leider die Steuerung der Landefähre aus und sie zerschellte auf der Mondoberfläche, anscheinend nicht weit vom geplanten Landepunkt entfernt. Mit an Bord befand sich eine Zeitkapsel der "Arch Mission Foundation". Diese Stiftung verfolgt das Ziel, Backups jeglicher irdischen und nicht zuletzt menschlichen Existenz anzufertigen und diese an Orten außerhalb der Erde abzulegen - genau wie die Arche Noah, daher auch der Name der Stiftung. Wichtigster Inhalt der Zeitkapsel war eine in Nickel, ähnlich einer Multilayer-DVD lasergravierte, Hunderte Gigabyte umfassende Datenbank zum Leben auf dem Planeten Erde. Der Schwerpunkt lag auf den (anscheinend als besonders mitteilenswert erachteten) kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Die Zeitkapsel enthielt Vieles, was man quasi den Voyager-Sonden beizupacken vergessen hatte: Musik, Zeichnungen von Kindern, Übersetzungshilfen in viele Sprachen usw. Zu befürchten steht natürlich, dass angesichts der titanischen multikulturellen Universalbotschaft eine Gesamtausgabe des Bärtierchen-Journals wohl nicht mehr mit untergebracht werden konnte ;-). Wie Noah das damals bei den Bärterchen gelöst hatte, wissen wir ja leider auch nicht so ganz genau, aber vermutlich war ganz einfach etwas Moos mit in der Arche ...


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Abb. 1: Eines unserer älteren Mondfotos, aufgenommen im verlässlich unzureichend gefilterten Münchner SUV-Nebel. Zum Einsatz kam ein 1000er Spiegeltele - vulgo "Russentonne". Der rote Pfeil markiert die mutmaßliche Crash-Position der Beresheet-Raumfähre, an der Nordseite des gingkoblattförmigen Mare Serenitatis, dem Meer der Heiterkeit.
Das "C" bezeichnet den fiktiven Landepunkt eines anderen Mond-Träumenden, von dem weiter unten noch die Rede sein wird.


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Abb. 2: Bärtierchen im Trockenstadium (sogenannte "Tönnchen"). Typische Länge 0,2-0,3 mm. Leider konnten wir in den vielen Berichten über die Bärtierchen-Ladung von Beresheet bislang kein einziges Bild der tatsächlich transportierten Bärtierchenfracht finden. Statt dessen präsentieren die Artikel allesamt Fotos, die irgendwelche Tardigraden im lebensaktiven, jedoch zum Zwecke der rasterelektronenmikroskopischen Aufnahme frisch getöteten Zustand abbilden. Selbstverständlich müsste die Beresheet-Fracht jedoch aus Bärtierchen im Trockenzustand bestanden haben, die so ähnlich kompakt aussehen sollten wie die hier gezeigten Tönnchen. Und klar, keine Reanimation ohne Wasser und ohne Sauerstoff, und schon gar nicht im Vakuum der Mondatmosphäre.

Erst im August 2019 wurde - wohl zuerst auf der Grundlage eines Artikels in der Zeitschrift Wired - bekannt, dass sich in der Zeitkapsel auch Tausende Bärtierchen-Trockenformen befanden hatten, die von der Arch Mission Foundation mehr oder weniger inoffizell beigepackt worden waren. Am Wired-Artikel entzündete sich der nachfolgende Internet-Hype mit den äußerst beliebten, wenn auch leider etwas realitätsfern aschgrauen, an Staubsaugerbeutel erinnernden Bärtierchen-Bildern aus der Welt des Rasterelektronenmikroskops. Man hätte natürlich genausogut eine getrocknete Tomate, etwas Hühnerknochenmark oder eine "Rose von Jericho" auf den Mond schließen können. In schätzungsweise ca. 10 Jahren werden die Mond-Bärtierchen nicht mehr reanimierbar sein, mal ganz zu schweigen von denjenigen Exemplaren, die angeblich in Epoxid eingebettet sind. Man könnte jedoch überlegen, sie auf dem Mond wieder einzusammeln, zur Erde zurückzubringen und hier zu animieren. Dass die Außerirdischen in dem hier angebotenen, relativ kleinen Zeitfenster eine Bärtierchen-Reanimation vornehmen werden, wagen wir jedenfalls nicht zu hoffen.


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Abb. 3: Der Reiseführer zur Vorbereitung Eurer Rückholaktion!


Nicht vergessen werden sollte, dass die Israelis mit der Landefähre in erster Linie andere, durchaus honorige wissenschaftliche Ziele verfolgten. Die Bärtierchen-Anlandung ist lediglich als huckepack aufgesattelter Gag der Arch Mission Foundation zu verstehen. Sie erzielte jedoch eine enorme Publicity-Wirkung und erinnert uns in ihrer pittoresken Absurdität an die ebenfalls enorm mondlastigen Werke des quirlig-bissig-kreativen Schriftstellers Arno Schmidt:

Arno Schmidt schildert in einem Erzählstrang seines Romans "KAFF auch Mare Crisium" (1960) die Lebenssituation eines russischen und eines amerikanischen Zwergstaates auf dem Mond, beide Konsequenzen eines dritten Weltkriegs auf der Erde. Die Amerikaner siedeln unter einer Plexiglashaube auf der Mondvorderseite, die Russen, wie es sich gehört, auf der Rückseite - schließlich waren es die Russen, die 1959 als erste die Rückseite des Mondes fotografiert hatten. In diesem Kontext setzt sich Arno Schmidt, genau wie Beresheet und die Arch Foundation sehr grundlegend mit der Sinnhaftigkeit der biblischen Arche und der Mond-Portabilität der menschlichen Kultur auseinander. Arno Schmidts Werk spiegelt die Mondbegeisterung der 1960er Jahre, aus der die aktuelle Bärtierchen-Mondbegeisterung noch sehr viel besser zu verstehen ist. Klarer Lesetipp und antiquarisch superbillig zu bekommen! Rechnen Sie allerdings neben viel Mondfeeling auch mit nicht so ganz korrekten, typischen Arno-Schmidt-Bosheiten gegen Alles und Jeden. Hinzu kommen heftige Verballhornungen der deutschen Sprache, die dazu geführt haben, dass Arno Schmidts Werke nicht nur anspruchsvoll zu lesen, sondern auch schwer zu übersetzen und deshalb im Ausland praktisch unbekannt sind. Jedenfalls ist eine deutliche Optikbegeisterungs-Seelenverwandtschaft mit dem Bärtierchen-Journal gegeben. Wer sonst außer Euch, liebe Leserinnen und Leser ist schon vergleichbar vergrößerungsaffin? Bei Grass und Böll wären derart einsame (weil heute für praktisch niemanden mehr verständliche) Formulierungen wie die folgende jedenfalls undenkbar:

"das Auge = selbst iss ausdruxlos wie ne Wisolett = Luupe".

Arno Schmidt besaß selbstverständlich auch ein Mikroskop (siehe Literatur, der Artikel steht online) - aber vermutlich wusste er rein gar nichts von den Bärtierchen.



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Abb. 4: Visolett-Lupen aus den 1930er Jahren, links in Messing, rechts in Polystyrol.


Zusammenfassend können wir Beretsheets Bärtierchen wie folgt kommentieren: Klar, eine völlig sinnlose Aktion. Die Bärtierchen halten auf der Erde Milliarden und Abermilliarden flächig verteilte, aktiv backupfähige (!) Kopien ihrer Existenz vor. Eine einzige bereits jetzt, geschweige denn in Zukunft kaum mehr auffindbare, getrocknete Kleinpopulation auf dem Mond wird das Kraut somit nicht fett machen. Trotz aller Begeisterung für die Lebenszähigkeit der Bärtierchen bleibt zu konstatieren, dass das vergleichsweise kleine Bärtierchen-Mond-Backup, falls es nicht schon während der Landung verschmolzen oder verbrutzelt ist, in spätestens 10 Jahren nicht mehr zum Leben zu erwecken sein wird. Und es würde als Backup ja ohnehin nur dann Sinn ergeben, wenn die Erde als Ganzes sehr gründlich von jeglichem Leben bereinigt würde. Das werden aber selbst die emsigsten Atomkriegsplaner sicherlich nie so ganz perfekt bewirken können.

Trotzdem: Respekt für die Beresheet-Konstrukteure und danke für das famose Imaginationsfutter!


Quellen und weiterführende Links:

Rainer Hendel: Arno Schmidt am Mikroskop. Mikrokosmos 87 (1998) S. 357-366.
Arno Schmidt am Mikroskop

Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium. Karlsruhe 1960.
Weiterführende Website zum Buch: mare-crisium.de

Wikpedia-Eintrag "Beresheet"

Wired (Zeitschrift), Ausgabe vom 5. August 2019: A Crashed Israeli Lunar Lander Spilled Tardigrades on the Moon.



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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach