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Aktueller Hinweis: Prof. Hartmut Grevens mit Spannung erwartetes Buch "Tardigrada" kommt gerade frisch aus der Druckerpresse. Wir werden es in einem der folgenden Journale noch angemessen ausführlich würdigen. Bereits vorab sei jedoch betont, dass der Nestor der deutschen Bärtierchenforschung hier nicht lediglich ein dürres Alterswerk vorlegt, auch kein blutarm-akademisches Krallenvermessungskonvolut, sondern vielmehr eine eindrucksvoll umfassende Gesamtbetrachtung des Themas "Bärtierchen", mit allen seinen Facetten - beginnend bei der Entdeckungsgeschichte, weiterführend in eine tief greifende Beschreibung der Anatomie und noch viel mehr, aber auch mit souverän-augenzwinkernden Hinweisen auf die moderne Bärtierchen-Popkultur! Gleichermaßen soliden und trotzdem unterhaltsam formulierten Bärtierchenstoff wird man nirgends finden - und dies bei unglaublich günstigen 10 Cent pro Seite.
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Unsere Taxonomie-Serie - in Kooperation mit Dr. Rolf Schuster**
Folge #20: Pilatobius bullatus (früher: Disphascon bullatum oder auch Hypsibius bullatus)

Pilatobius bullatus ist ein sehr kleines, unscheinbares Bärtierchen. In der Total-Ansicht von oben erkennen wir selbst bei unterstützendem Phasenkontrast zunächst einmal lediglich die klassische, gewundene "Diphascon"-Speiseröhre:


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Abb. 1: Ein Pilatobius bullatus (Diphascon bullatum) aus München. Körperlänge etwa 210 µm. Mit etwas gutem Willen ist die sehr schmale, kurvige Speiseröhre vor dem ovalen Schlundkopf bereits hier, in der Totale, zu erkennen. Aufnahme im Phasenkontrast.

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Abb. 2: Detailansicht zu Abb. 1. Erst bei dieser stärkeren Vergrößerung sind Speiseröhre und Schlundkopf klarer zu sehen. Die Makroplakoidspalten bestehen jeweils aus einem vorderen längeren, mittig geringfügig eingeschnürten Plakoid und einem rückwärtigen, deutlich kürzeren Plakoid. Ebenfalls vorhanden sind sehr kleine Mikroplakoide (die kleinen Knubbel an der Rückseite des Schlundkopfs). Aufnahme im Phasenkontrast.

Hieronim Dastych äußert sich in seinem eindrucksvollen Werk von 1988 zu den anatomischen Eigenschaften unter anderem wie folgt: Länge 160-250 µm. Augen üblicherweise vorhanden ("usually present"), etwa 8 Reihen mit jeweils zwei nebeneinander liegenden Buckeln.
Die Seitenansicht offenbart dieses taxonomisch entscheidende und namensgebende, auch für Amateure leicht erkennbare Buckelmuster am Rücken von Pilatobius bullatus:

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Abb. 3: Seitenansicht des Pilatobius bullatus. In dieser Perspektive treten die, auf dem Rücken herausragenden Höcker so markant hervor, dass man sie kaum noch übersehen kann. Zum schnellen Erkennen unter dem Präpariermikroskop helfen neben den Höckern die längliche Körperform sowie ein verhältnismäßig großer Abstand zwischen dem dritten und vierten Beinpaar. Aufnahme im Hellfeld.

Beim selektiven Fokussieren auf den Rücken und guter Ausleuchtung zeigen sich die Höcker allerdings auch in der Draufsicht:


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Abb. 4: Hier sind sie, die Buckel - typischerweise in 8 Zweierreihen angeordnet!

Hieronim Dastych beschreibt die Klauen als stummelartig winzig ("stumpy"). Und er hat völlig recht: Wer sich mit den Klauen von Pilatobius bullatus näher befasst, darf sich als Mitglied in einer exklusiven Runde von Bärtierchen-Mikro-Masochisten willkommen fühlen!


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Abb. 5: Für solche Fotos muss man optisch klotzen. Erst mit Hilfe der Ölimmersion sind die Krallenstrukturen einigermaßen ablesbar.

Die hier gezeigten Individuen stammen vom Hochufer des Isarkanals. Dieses ist zwar nicht sonderlich schön anzusehen, verfügt jedoch über den Vorteil eines Ganz-oben-Standorts: Dort ist lediglich mit etwas Regen zu rechnen, nicht jedoch mit Gülle und anderen Segnungen, die sich auf einem Weg von oben nach unten in unseliger Weise anreichern könnten. Soweit wir wissen, wird das Hochufer in erster Linie von Schafen abgegrast und lediglich sporadisch gemäht.


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Abb. 6: Der Fundort des hier gezeigten Pilatobius bullatus, das Hochufer des Isar-Kanals (im Bild links), nördlich von München, auf Höhe des Erholungsgebiets "Poschinger Weiher".

Der dortige Moosbewuchs wirkt ein wenig schlampig, ist mit Laub, trockenen Grasresten und anderem biologischem Material durchmischt:


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Abb. 7: Das Mikro-Habitat des hier gezeigten Pilatobius bullatus, aus der Nähe betrachtet.

Unabhängig von der Bärtierchenbegeisterung sind übrigens das Erholungsgebiet Poschinger Weiher sowie der dortige, ernsthaft urige Biergarten "Seegarten" einen Ausflug wert.


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Abb. 8: Skandinavien in Bayern? Blick vom Restaurant "Seegarten" auf das gegenüber liegende Ufer des Poschinger Weihers.


Zur Namensgebung
Pilatobius bullatus durchlitt - ähnlich wie viele andere seiner Bärtierchen-Stammesgenossen - eine wechselhafte Namensgeschichte. James Murray, der Entdecker, taufte ihn im Jahr 1905 auf den Namen Diphascon bullatum. Das "Diphascon" sollte auf die zwei, bei diesem Genus sehr unterschiedlich ausgeprägten Partien der Speiseröhre hinweisen: einen vorderen, starr-geraden und einen hinteren, gewundenen und flexiblen Abschnitt.
Ernst Marcus benannte die Art 1936 als Hypsibius (Diphascon) bullatus. Bei Ramazzotti und Maucci findet sie sich dann wieder als Diphascon bullatum. Roberto Bertolani zweigte im Jahr 2014 das neue Genus Pilatobius aus Diphascon ab, so dass der Star dieser Journal-Ausgabe eben momentan Pilatobius bullatus heißt. Der Genusname Pilatobius ist ein sogenanntes Patronym, soll an den prominenten Tardigradenforscher Giovanni Pilato erinnern. Die Artbezeichnung "bullatum" kommt aus dem Lateinischen und steht für "mit Blasen/Buckeln versehen".



Anmerkungen und Literatur

(*) Der Bärtierchenspezialist, Partner und Co-Autor dieser Taxonomie-Serie, Dr. Rolf Schuster, berät Sie gerne bei tiefer schürfenden taxonomischen Fragestellungen und bei der Bestimmung der von Ihnen gefundenen Bärtierchen. Schreiben Sie einfach eine Mail an Rolf Schuster !

(*) Ab sofort gibt es einen, quasi mitwachsenden Bärtierchen-Bestimmungsschlüssel aus der Hand von Dr. Rolf Schuster: Hier geht es zum aktuellen Schlüssel !


Roberto Bertolani, Roberto Guidetti, Trevor Marchioro, Tiziana Altiero, Lorena Rebecchi, Michele Cesari (2014), Phylogeny of Eutardigrada: New molecular data and their morphological support lead to the identification of new evolutionary lineages.
Molecular Phylogenetics and Evolution 76 (2024) S. 110-126.

Hieronim Dastych (1988), The Tardigrada of Poland. S. 163-165 und Tafel XXIV a-c.
Monografie Fauny Polski 16, 1-255.

Hartmut Greven (2018), From Johann August Ephraim Goeze to Ernst Marcus: A Ramble Through the History of Early Tardigrade Research (1773 until 1929).
In R. O. Schill (Ed.), Water Bears: The Biology of Tardigrades (pages 1-55). Springer, Cham.

Ernst Marcus (1928), Bärtierchen (Tardigrada), S. 166.

Hartmut Greven (2026), Tardigrada. Neuerscheinung!
Verlag Natur & Wissenschaft. ISBN: 978-3-96212-015-3.


Walter Maucci (1986), Tardigrada, S. 356-358.

Guiseppe Ramazzotti und Walter Maucci (1983), Il Phylum Tardigrada. Memorie dell'Istituto Italiano di Idrobiologia, 41 (1983) S. 1-1012.


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach