Mit Blick auf den Text des Ameisenbuchs hatten
wir die Existenz des mutmaßlich gleichberechtigten Co-Autors Olaf Fritsche bislang nicht
angemessen gewürdigt. Auf Basis der in der Wikipedia nachlesbaren Biographien
der beiden Ameisenautoren müssen wir uns die Rollenverteilung wohl wie folgt vorstellen:
- Frau Prof. Foitzik gibt sich im Textlayer 1 als hochgradig erdkrumenaffine,
unermüdlich weltweit Ameisengelege erbeutende Forscherin zu erkennen.
Ihre Erfahrungsberichte zu Flughafen-Gepäckkontrollen und Horden von im Labor
ausgebüchsten Ameisenkriegern vermitteln dem Publikum eine Art Primärerfahrung -
so als würde man selbst in einem dampfigen Regenwald von wütend beißenden, Säure
sprühenden Ameisenarmeen bekrochen!
- Der Biologe und Wissenschaftsjournalist Dr. Olaf Fritsche wird die, teils in
ihrer primären Entstehungsphase wohl noch dichter gepackten Artbeschreibungen und
Ameisenarmee-Strategieschilderungen etwas leichtverdaulicher gestaltet haben (quasi im Layer 2). Wer
Freude an Textanalysen und Autoren-Händescheidungen hat, könnte mittels hochmoderner
Analysesoftware beispielsweise der Frage nachgehen, von wem der beiden etwa die im Buch
beschriebene Analogie der Ameisen-Geruchs-Schleimspur zu den Trikots unserer
Fußballfans erdacht wurde (sorry, liebe Fußballfans, aber dies klingt
tatsächlich sehr überzeugend!).
Ein Register fehlt leider im Ameisenbuch. Dieser Mangel wird jedoch durch das,
in moderner Appetizer-Snippet-Manier ausgestaltete Inhaltsverzeichnis sehr geschickt ausgeglichen.
Das Erstaunen über die vielfältigen Strategien der Ameisen lässt den Leser
zeitweise sogar vergessen, wie wenig sie von den Menschen geliebt werden. Lediglich ein kleiner
Abschnitt im Buch geht der unausweichlich menschlichen Frage nach, die da wäre:
"Was kann ich tun, um die Viecher loszuwerden?" (Hauptantwort: Man blockiere
die Wege der Ameisen mechanisch und ruiniere ihre Duft-Wegmarken mit Kräutern und
pflanzlichen Ölen - von Basilikum, Rosmarin, Thymian etc. Dann bleibe nur noch zu
hoffen, dass es keine Pharao-Ameisen sein mögen ...).
Der Text des Bärtierchenbuchs von Biologie-Professor Hartmut Greven
ist maximal dicht gesetzt, verzichtet dementsprechend konsequent auch auf Leerflächen
und Trennblätter. Als drucktechnisch sogar noch stärker komprimiert erweist sich
die sehr eindrucksvolle, in der aktuellen Bärtierchen-Literatur wohl einzigartige
Bibliographie, mit Hunderten von Einzelquellen. Sie listet selbstverständlich auch
die bis 2024 in Druckform erschienenen Abschlusspublikationen zu den internationalen
Tardigraden-Symposien auf. Hier kann sich der Leser, dank knapp 2 mm Letternhöhe
über eine maximal ökonomische und mikroskopierfreundliche ;-) Papiernutzung freuen.
Als - angesichts des Verkaufspreises - ebenso außergewöhnlich wie überraschend
seien das separate taxonomische Register sowie ein sorgfältig redigiertes Schlagwortregister erwähnt.
Ein in deutlich größerer Schrift gesetztes Glossar samt Aussprache-Betonungsakzenten (!)
und Fremdsprachenverweisen wirkt didaktisch perfekt ausbalanciert, ist weder trivial
belehrend noch geschwätzig überfrachtet - was nur wenige Glossare von sich behaupten können.
Aus der speziellen Sichtweise des Bärtierchen-Journals besonders erfreulich sind
die weit ausgreifenden kulturellen Bezüge (zu Bärtierchen-Grafiken, Gedichten, Musik, Spielzeug,
Deko-Objekten; zu Bildender Kunst, dem "Kindchenschema", der Vermenschlichung usw.).
Lediglich beispielhaft genannt sei die Präsentation einer Collage zum Thema "Riesiges Bärtierchen zerstört Chicago".
Als besonders lesenswert empfanden wir weiterhin die Kapitel zur Problematik der Artendifferenzierung,
aber auch die Darstellung eines schwelenden Streits zur korrekten Namenstaufe neu entdeckter Arten.
Ansonsten wird man, fast schon überflüssig zu erwähnen, in diesem Buch so
ziemlich alles finden, was im Gesamtportrait einer derartigen Wundertiergruppe zu erhoffen ist:
Anatomie, Entwicklungsbiologie, Ökologie, Stammesgeschichte, Probenahmestrategien und,
last but not least, eine plakative Darstellung der Bärtierchenforschung der vergangenen 250 Jahre.
Wer allerdings hofft, mit Hilfe des Buchs einzelne Arten sicher identifizieren zu können,
sei gewarnt: Die aktuell ca. 1500 Bärtierchenarten sind nicht einfach zu bestimmen -
dafür benötigt man nach wie vor eine umfangreiche Spezialbibliothek oder
lässt es - klüger - lieber ganz bleiben. Und klar, die quasi ameisenanaloge Frage
"Wie werde ich die Viecher los" musste im Bärtierchenbuch nicht beantwortet
werden, weil die Wasserbären in der populären Beliebtheitsskala mühelos mit Meerschweinchen
und Katzenbabys gleichziehen!
Beyond text?
Angegraut, aber immer noch gültig ist folgende Multimedia-Weisheit: Langer Text verliert gegen
kurzen Text, kurzer Text verliert gegen Bild, Bild wiederum verliert gegen Film - aber
sogar der Film muss heutzutage clever beworben werden (sonst verhungern die Klickraten).
Das Ameisenduo und der Bärtierchen-Matador setzen bei der Internet-Quantenverschränkung
auf unterschiedliche Strategien: Foitzik und Fritsche sind mit einigen wirklich gut gemachten
YouTube-Videos im Internet präsent. Jedoch signalisieren die Zugriffszahlen,
wie unglaublich schwer es heutzutage fällt, neben den Vermarktungsmaschinen der
Branchenriesen überhaupt noch wahrnehmbar zu bleiben.
Die hier von den Großen eingesetzten, gnadenlosen Kniffe sind seit langem bekannt,
gut nachlesbar in Burkhart Lauterbachs "Bestseller"-Analyse [Lauterbach 1979].
Hartmut Greven verweist in seinem Text klugerweise direkt auf viele Internet-Ressourcen,
wie beispielsweise den "Tardigrada Newsletter" und das kontinuierlich fortgeschriebene Artenregister
von Degma & Guidetti:
Actual checklist of Tardigrada species doi: 10.25431/11380_1178608
Längst verstorbene Ameisen- und Bärtierchen-Granden (wie Harald Doering bzw. Ernst Marcus)
wären angesichts der heutigen medialen Vielfalt sicherlich zu Tränen gerührt!
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