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Hartmut Grevens "Tardigrada" (Teil 3: Text und 'beyond text')

Wir bleiben dem mittlerweile etablierten Stilmittel der parallelen Buchbesprechung treu, sollten nun aber wohl oder übel auch mal über das sprechen, was früher - vor World Wide Web, Instagram und Youtube - als die Essenz kultureller Information galt: nämlich beim gedruckten Buchtext aus, wie der Name schon andeutet, Buchstaben. Heute müsste man im Internet wohl korrekterweise eher von Web- oder Screenstaben sprechen ...


Abb. 1: "Weltmacht auf sechs Beinen"
(2. Auflage, 2019)

Abb. 2: "Tardigrada"
(Neuerscheinung 2026)

Bereits lange vorbei sind die Zeiten, in denen sich (fast) jedermann durch freundlich lockende, meist einspaltige Buchbesprechungen in weit verstreuten Nischen-Druckmedien ein moderates Zubrot verdienen konnte. Das lässt sich verschmerzen ...

... sehr bedauerlich ist jedoch, dass sich unsere Ameisen- und Bärtierchen-Autoren keinerlei stilistische Blößen leisten, an denen wir nach Art des grandiosen Robert Neumann unterhaltsam einhaken könnten - siehe Box:


Exkurs - die höchste Form der Buchkritik - leider nicht von uns!
An dieser Stelle sei an Robert Neumann (1897 - 1975) erinnert, einen längst vergessenen Weltmeister der Buchautorenparodie, und dies nicht nur wegen seiner gefürchteten Rubrik "Zitate statt Parodien!".
Seine Texte standen wegen ihrer Scharfzüngigkeit und des geschmeidig integrierten Humors selbstverständlich auf dem Index der NS-Zeit.
Lediglich ein winziges Häppchen aus seiner Hemingway-Parodie sei hier stellvertretend zitiert:

"FLICK - nach Ernest Hemingway
Ich ging den Film sehn, Samstag. Ich nahm Flick mit ihn ansehn. Ich holte sie ab.
Sie hatte schon was getrunken. Sie sah fein aus.
«Hullo, Biltz», sagte sie. «What are you round for, this hour?»
«Film», sagte ich.
«Willst du zuerst einen Whisky?»
«Sicher will ich.»
Ich goß mir einen Whisky ein und einen für Flick. Sie hatte schon ein paar gehabt.
Sie nahm noch einen. Dann nahmen wir jeder noch zwei. Es war fein, dazusitzen und Flick anzuschauen. Sie sah fein aus [...]."



Mit Blick auf den Text des Ameisenbuchs hatten wir die Existenz des mutmaßlich gleichberechtigten Co-Autors Olaf Fritsche bislang nicht angemessen gewürdigt. Auf Basis der in der Wikipedia nachlesbaren Biographien der beiden Ameisenautoren müssen wir uns die Rollenverteilung wohl wie folgt vorstellen:
- Frau Prof. Foitzik gibt sich im Textlayer 1 als hochgradig erdkrumenaffine, unermüdlich weltweit Ameisengelege erbeutende Forscherin zu erkennen. Ihre Erfahrungsberichte zu Flughafen-Gepäckkontrollen und Horden von im Labor ausgebüchsten Ameisenkriegern vermitteln dem Publikum eine Art Primärerfahrung - so als würde man selbst in einem dampfigen Regenwald von wütend beißenden, Säure sprühenden Ameisenarmeen bekrochen!
- Der Biologe und Wissenschaftsjournalist Dr. Olaf Fritsche wird die, teils in ihrer primären Entstehungsphase wohl noch dichter gepackten Artbeschreibungen und Ameisenarmee-Strategieschilderungen etwas leichtverdaulicher gestaltet haben (quasi im Layer 2). Wer Freude an Textanalysen und Autoren-Händescheidungen hat, könnte mittels hochmoderner Analysesoftware beispielsweise der Frage nachgehen, von wem der beiden etwa die im Buch beschriebene Analogie der Ameisen-Geruchs-Schleimspur zu den Trikots unserer Fußballfans erdacht wurde (sorry, liebe Fußballfans, aber dies klingt tatsächlich sehr überzeugend!).
Ein Register fehlt leider im Ameisenbuch. Dieser Mangel wird jedoch durch das, in moderner Appetizer-Snippet-Manier ausgestaltete Inhaltsverzeichnis sehr geschickt ausgeglichen. Das Erstaunen über die vielfältigen Strategien der Ameisen lässt den Leser zeitweise sogar vergessen, wie wenig sie von den Menschen geliebt werden. Lediglich ein kleiner Abschnitt im Buch geht der unausweichlich menschlichen Frage nach, die da wäre: "Was kann ich tun, um die Viecher loszuwerden?" (Hauptantwort: Man blockiere die Wege der Ameisen mechanisch und ruiniere ihre Duft-Wegmarken mit Kräutern und pflanzlichen Ölen - von Basilikum, Rosmarin, Thymian etc. Dann bleibe nur noch zu hoffen, dass es keine Pharao-Ameisen sein mögen ...).

Der Text des Bärtierchenbuchs von Biologie-Professor Hartmut Greven ist maximal dicht gesetzt, verzichtet dementsprechend konsequent auch auf Leerflächen und Trennblätter. Als drucktechnisch sogar noch stärker komprimiert erweist sich die sehr eindrucksvolle, in der aktuellen Bärtierchen-Literatur wohl einzigartige Bibliographie, mit Hunderten von Einzelquellen. Sie listet selbstverständlich auch die bis 2024 in Druckform erschienenen Abschlusspublikationen zu den internationalen Tardigraden-Symposien auf. Hier kann sich der Leser, dank knapp 2 mm Letternhöhe über eine maximal ökonomische und mikroskopierfreundliche ;-) Papiernutzung freuen.
Als - angesichts des Verkaufspreises - ebenso außergewöhnlich wie überraschend seien das separate taxonomische Register sowie ein sorgfältig redigiertes Schlagwortregister erwähnt. Ein in deutlich größerer Schrift gesetztes Glossar samt Aussprache-Betonungsakzenten (!) und Fremdsprachenverweisen wirkt didaktisch perfekt ausbalanciert, ist weder trivial belehrend noch geschwätzig überfrachtet - was nur wenige Glossare von sich behaupten können. Aus der speziellen Sichtweise des Bärtierchen-Journals besonders erfreulich sind die weit ausgreifenden kulturellen Bezüge (zu Bärtierchen-Grafiken, Gedichten, Musik, Spielzeug, Deko-Objekten; zu Bildender Kunst, dem "Kindchenschema", der Vermenschlichung usw.). Lediglich beispielhaft genannt sei die Präsentation einer Collage zum Thema "Riesiges Bärtierchen zerstört Chicago". Als besonders lesenswert empfanden wir weiterhin die Kapitel zur Problematik der Artendifferenzierung, aber auch die Darstellung eines schwelenden Streits zur korrekten Namenstaufe neu entdeckter Arten. Ansonsten wird man, fast schon überflüssig zu erwähnen, in diesem Buch so ziemlich alles finden, was im Gesamtportrait einer derartigen Wundertiergruppe zu erhoffen ist: Anatomie, Entwicklungsbiologie, Ökologie, Stammesgeschichte, Probenahmestrategien und, last but not least, eine plakative Darstellung der Bärtierchenforschung der vergangenen 250 Jahre. Wer allerdings hofft, mit Hilfe des Buchs einzelne Arten sicher identifizieren zu können, sei gewarnt: Die aktuell ca. 1500 Bärtierchenarten sind nicht einfach zu bestimmen - dafür benötigt man nach wie vor eine umfangreiche Spezialbibliothek oder lässt es - klüger - lieber ganz bleiben. Und klar, die quasi ameisenanaloge Frage "Wie werde ich die Viecher los" musste im Bärtierchenbuch nicht beantwortet werden, weil die Wasserbären in der populären Beliebtheitsskala mühelos mit Meerschweinchen und Katzenbabys gleichziehen!

Beyond text?
Angegraut, aber immer noch gültig ist folgende Multimedia-Weisheit: Langer Text verliert gegen kurzen Text, kurzer Text verliert gegen Bild, Bild wiederum verliert gegen Film - aber sogar der Film muss heutzutage clever beworben werden (sonst verhungern die Klickraten).
Das Ameisenduo und der Bärtierchen-Matador setzen bei der Internet-Quantenverschränkung auf unterschiedliche Strategien: Foitzik und Fritsche sind mit einigen wirklich gut gemachten YouTube-Videos im Internet präsent. Jedoch signalisieren die Zugriffszahlen, wie unglaublich schwer es heutzutage fällt, neben den Vermarktungsmaschinen der Branchenriesen überhaupt noch wahrnehmbar zu bleiben.
Die hier von den Großen eingesetzten, gnadenlosen Kniffe sind seit langem bekannt, gut nachlesbar in Burkhart Lauterbachs "Bestseller"-Analyse [Lauterbach 1979].

Hartmut Greven verweist in seinem Text klugerweise direkt auf viele Internet-Ressourcen, wie beispielsweise den "Tardigrada Newsletter" und das kontinuierlich fortgeschriebene Artenregister von Degma & Guidetti:
Actual checklist of Tardigrada species  doi: 10.25431/11380_1178608


Längst verstorbene Ameisen- und Bärtierchen-Granden (wie Harald Doering bzw. Ernst Marcus) wären angesichts der heutigen medialen Vielfalt sicherlich zu Tränen gerührt!



Anmerkungen und Literatur
Hartmut Grevens Verlag ist sehr viel kleiner als der von Susanne Foitzik, weshalb wir hier ausnahmsweise die Bezugsquelle des "Tardigrada"-Werks nennen möchten.
Der Direkt-Link zur Bestellung lautet: https://verlagnw.de/bestellung-tardigrada

Burkhart Lauterbach (1979), Bestseller. Tübingen 1979.

Robert Neumann (1955), Mit fremden Federn. Der Parodien zweiter Band. S. 23.
München 1955.


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach