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Unsere Taxonomie-Serie - in Kooperation mit Dr. Rolf Schuster**
Folge #18: Calohypsibius ornatus

Wer meint, das Bärtierchen-Journal sei eher unpolitisch, der hat ja recht. Nicht entgangen ist uns allerdings die Tatsache, dass eine große Eisscholle auf der Erd-Nordhalbkugel derzeit die bizarre Begehrlichkeit eines zeitweise eher orangen, jetzt jedoch zunehmend vergrauenden Machtmenschen geweckt hat. Lösen wir deshalb kurz das Auge vom Mikroskopokular und betrachten die Situation aus dem All:


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Abb. 1: Blick auf eine Globus-Oberseite, mit rot umkreistem Grönland (und dem direkt links anschließenden, arktischen Eismeer)

Niemand scheint zu verstehen, warum ausgerechnet Grönland momentan derart viel Besitzgier weckt: Bodenschätze wären zwar reichlich vorhanden. Sie sind aber anscheinend nicht sonderlich rentabel abbaubar. Auch Wasserenergie gäbe es in Hülle und Fülle, aber halt leider nur wenige Kabel ... und auch Grönlands unschlagbar saubere Atemluft lässt sich (noch) nicht in Aktiengewinne ummünzen.

Aus unserer speziellen Bärtierchenperspektive hat Grönland durchaus Einiges zu bieten. Calohypsibius ornatus, der Star dieses Journals, lebt schließlich millionenfach, ja vielleicht sogar milliardenfach auf Grönland. Und sein Name steht für Schönheit ("Kalos" = "schön") in Verbindung mit Reichtum ("ornatus" = "geschmückt, Schmuck tragend"). Trotz dieser Glamour-Eigenschaften entzieht sich Calohypsibius ornatus der menschlichen Raffgier sehr effizent, durch bloße Kleinheit. Ein Bärtierchen kann Möchtegern-Königen mit unendlich großer Gelassenheit begegnen, lässt sich natürlich auch nicht von goldenen Kloschüsseln oder goldenen Wasserhähnen beeindrucken!


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Abb. 2: Ein Calohypsibius ornatus-Weibchen in der Gesamtansicht. Körperlänge 140 µm. Rechts unten im Bild ist eine einzelne Eizelle samt hell erscheinendem Zellkern zu sehen. Calohypsibius ornatus hat kein Augenpigment. Die, auf dem Foto nur andeutungsweise erkennbaren, Stilettfedern setzen seitlich an der Mundröhre an und sind extrem filigran, fehlen wohl deshalb in der Darstellung des Erstbeschreibers (vgl. Abb. 3).
Das hier fotografierte Exemplar wurde übrigens nicht von den, jüngst Grönland erforschenden Bundeswehrsoldaten nach Deutschland ausgeflogen, sondern bereits im August 2005 von einem befreundeten, zivilen Bärtierchen-Fan außer Landes gebracht. Die Fundbeschreibung besagt: Ostgrönland,Tasilaq Fjord, silikatisches Gestein im Bereich einer Gletscher-Endmoräne.
Die Google Maps-tauglichen Koordinaten lauten auf: N65 59.732 W37 2.987


Leider zeigt Calohypsibius ornatus in der fotografischen Draufsicht der Abb. 1 nur wenig Bein, so dass wir zur besseren Veranschaulichung seiner Gesamtheit und Schönheit auf eine Originalzeichnung von Ferdinand Richters aus seitlicher Sicht zurückgreifen müssen:


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Abb. 3: Calohypsibius ornatus in der idealisierten Darstellung seines Entdeckers Ferdinand Richters. Bildquelle [Richters 1900].


Das entscheidende taxonomische Charakteristikum sind bis zu 8 auf dem Rücken von Calohypsibius ornatus quer verlaufende Dornenstreifen. In der fotografischen Realität erscheinen die Dornenreihen jedoch sehr viel weniger ebenmäßig als in der Richter'schen Zeichnung:


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Abb. 4: Detailansicht des Rückens von Calohypsibius ornatus mit Fokus auf den Dornenreihen


Der Schlundkopf ist winzig, kugelförmig und beherbergt Spalten aus jeweils zwei erbsenrunden Makroplakoiden:


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Abb. 5: Der Kopfbereich von Calohypsibius ornatus mit rundem Schlundkopf und den Makroplakoiden.


Trotz aller Sympathie müssen wir die Krallen als leider ernsthaft winzig und für mikroskopische Untersuchungen wenig ergiebig bezeichnen:


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Abb. 6: Die winzigen Krallen, hier die Krallen am letzten Beinpaar, entsprechen in ihrer Form dem von Hartmut Greven [Greven 1980, S. 14] beschriebenen Calohypsibius-Typus.


An dieser Stelle möchten wir deshalb die Taxonomie beenden und auf unseren wesentlich ausführlicheren Artikel in der ehrwürdigen, mittlerweile leider herzlos gemeuchelten Zeitschrift MIKROKOSMOS verweisen ([Mach 2009] steht online, siehe unten).


Nicht vorenthalten sei unserer geschätzten Leserschaft jedoch ein in der FAZ erschienener Artikel, der sich mit dem potentiellen, bärtierchenhaften Aussitzen von Donald Trumps Präsidentschaft mittels Kryptobiose befasst!


Abb. 7: Donald Trump und die Bärtierchen im Politikteil der FAZ.



Calohypsibius ornatus wurde übrigens erstmals nicht in Grönland, sondern vielmehr in Deutschland, und zwar im Taunus gefunden [Richters 1900]. Etwas später kam dann sogar noch eine Reihe weiterer deutscher Fundorte hinzu.

In der letzten großen Bärtierchenarten-Gesamtschau [Ramazzotti/Maucci 1983] findet sich auf Seite 229 eine eindrucksvolle "Catwalk"-Zusammenstellung, die unterschiedliche Calohypsibius ornatus-Varietäten in erstaunlich vielfältigem Ornat präsentiert.


Die Namensgebung - dreifach schmeichelhaft!
Der Name Calohypsibius ornatus addiert drei Teilkomplimente:
- "Kalos" (griechisch, für "schön")
- "Hypsibius" (griechisch, vielleicht zu lesen als "ÜBER LEBENsfähig/e/r")
- "ornatus" (lateinisch, für "geschmückt")



Anmerkungen und Literatur

(*) Der Bärtierchenspezialist, Partner und Co-Autor dieser Taxonomie-Serie, Dr. Rolf Schuster, berät Sie gerne bei tiefer schürfenden taxonomischen Fragestellungen und bei der Bestimmung der von Ihnen gefundenen Bärtierchen. Schreiben Sie einfach eine Mail an Rolf Schuster !

(*) Ab sofort gibt es einen, quasi mitwachsenden Bärtierchen-Bestimmungsschlüssel aus der Hand von Dr. Rolf Schuster: Hier geht es zum aktuellen Schlüssel !


Hartmut Greven (1980), Die Bärtierchen. S.14.

Hartmut Greven (2018), From Johann August Ephraim Goeze to Ernst Marcus: A Ramble Through the History of Early Tardigrade Research (1773 until 1929).
In R. O. Schill (Ed.), Water Bears: The Biology of Tardigrades (pages 1-55). Springer, Cham.

Martin Mach (2009), Schmucker Winzling - das Bärtierchen Calohypsibius ornatus.
Mikrokosmos 98 (2009) S.9-15.
Mikrokosmos (2009) Heft 1

Walter Maucci (1986), Tardigrada, S. 246-248.

Giuseppe Ramazzotti und Walter Maucci (1983), The Phylum Tardigrada, S. 252.
Memorie dell'Istituto Italiano di Idrobiologia 41 (1983), 1012 Seiten.
Englische Version von Clark W. Beasley.

Ferdinand Richters (1900), Beiträge zur Kenntnis der Fauna der Umgegend von Frankfurt a. M.. Ber. Senckenberg. Naturforsch. Ges. 1900. S. 21-44, Bildtafel VI.


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach