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Hartmut Grevens "Tardigrada" (Teil 2: Bildhaftes)

Wir setzen hier unser, bereits im vorigen Journal etabliertes Stilmittel der parallelen Buchbesprechung fort, konzentrieren uns diesmal auf die Charakteristik und die Entstehungsbedingungen der eingesetzten Abbildungen.

Vordergründig erklärbar wäre der kluge Einsatz des KI-Coverbilds (Abb. 1) schon alleine durch das Fehlen eines perfekten, alle Bedürfnisse erfüllenden, deshalb ikonischen (besonders tierarttypischen) Bärtierchen-Fotoportraits!
Wie bereits des Öfteren erklärt, krankt die lichtmikroskopische Bärtierchen-Fotografie - präparationsbedingt - an der unnatürlichen Draufsichtperpektive, in Verbindung mit mangelhafter Schärfentiefe.

Das Rasterelektronenmikroskop hingegen liefert Aufnahmen toter Bärtierchen, mit dem berüchtigten Staubsaugerbeutel-Appeal - zwar knackescharf, aber aschgrau und ohne die, bei den Bärtierchen besonders reizvolle Körpertransparenz. Wir sind deshalb der Ansicht, dass das ideale Bärtierchen-Portrait nach wie vor nicht erschaffen wurde - egal mit welcher Methode man es versuchte. Das KI-Bild ist insofern sehr gut als plausible Notlösung zu verstehen!


Abb. 1: "Tardigrada" - KI-Coverbild

Abb. 2: "Weltmacht auf sechs Beinen" - Coverbild von W. Kaehler (Getty Images)

Das Cover von Susanne Foitziks Ameisenbuch (Abb. 2) kann jedoch sehr wohl auf ein derart ikonisch wirkmächtiges Tierportrait zurückgreifen: die besonders attraktive Blattschneiderameise!

An diesem Punkt wird deutlich, dass die Ameisenfotografie zwar ebenfalls kompliziert, jedoch immer noch einfacher zu bewerkstelligen ist als die Bärtierchen-Fotografie. Bereits in den 1950er Jahren kam der Ameisenfotograf Harald Doering dank ambitionierter Technik dem idealen Ameisenportrait schon ziemlich nahe:


Abb. 3: Der Ameisenfotograf Harald Doering bei der Arbeit, in den 1950er Jahren. Er verwendete eine Leica mit Spiegelkasten, Balgengerät auf Makroschiene und reichlich Blitzlicht vor einer kleinen Tanzbühne mit den Ameisen. - Primärbildquelle unbekannt

Doerings eindrucksvolle Ameisenfotos markieren bereits einen sehr hohen technischen und gestalterischen Entwicklungsstand, der im Poster-Hintergrund von Abb. 3, aber auch beim Umschlagbild des 1958 erschienenen Buchs "Millionen in einem Bau" ersichtlich ist:


Abb. 4: Wenn man die begrenzten drucktechnischen Umsetzungs-Möglichkeiten der 1950er Jahre mit in Betracht zieht wird klar, welch traumhaftes fotografisches Niveau in der Ameisen-Nische bereits vor rund 70 Jahren erzielt wurde!

Was man in BBC-Naturfilmerkreisen als "coffee table quality" bezeichnet, ganz einfach ein gutes Portrait aus natürlicher Perspektive, war somit bei den Ameisen bereits in den 1950er Jahren verfügbar. Diese Qualität zeigen deshalb auch praktisch alle Ameisenbilder im aktuellen Ameisenbuch von Susanne Foitzik. Gezeigt werden vor allem (sehr gute) Habitus-Bilder der diskutierten Arten, der jeweiligen Ameisenköniginnen und ihres Hofstaats. Ausgiebig bildlich dargestellt sind die sozialen Interaktionen innerhalb eines Ameisenstaats sowie Begegnungen mit fremden Arten und anderen Kleinlebewesen.
Anscheinend bewusst verzichtet wurde allerdings auf die bildliche Darstellung der Anatomie samt ihrer Nomenklatur. Der Bild-Schwerpunkt liegt stattdessen auf einer anschaulichen Präsentation sehr vieler Arten und ihrer Lebensstrategien.


Noch neuere Ameisenfotos reizen die aktuellen digitalen Techniken aus und rücken den Ameisen geradezu beängstigend dicht auf die Pelle. Sie überschreiten somit bereits den Zenith des idealen Portraits (den wir bei den Bärtierchen leider noch nicht erreicht haben!). Diese extremen Nahaufnahmen rücken die Ameisen durch gnadenlose Nahbetrachtung allerdings zusehends in Richtung Endzeit-Monster. Googeln Sie doch einfach mal nach den spektakulären Ameisenportraits des litauischen Fotografen Egenijus Kavaliauskas!


Vertiefende Interpretation des Bärtierchen-Covers
Das KI-Coverbild des "Tardigrada"-Werks können wir nun recht komfortabel als augenzwinkernden Insider-Witz interpretieren: Wie bereits im Juni-Journal erwähnt, hat hier die KI das letzte, anatomisch andersartige Krallenpaar nicht verstanden - im wirklichen Leben ist es ja, wegen seiner andersartigen Funktion (quasi als Rückzieher) um 180° gedreht.
Doch damit nicht genug: Das Cover-Bärtierchen zeigt eindeutig einen Eutardigraden, während die vier gleichartigen Krallen an jedem Fuß genauso eindeutig auf einen - völlig anders gebauten - Heterotardigraden (Echiniscus etc.) hinweisen. Boshafte Bayern würden an dieser Stelle wohl sagen: "Ganz klar - das geht schon deutlich in Richtung Wolpertinger!".
Der Leonardo da Vinci-Rahmen packt dem KI Konstrukt schließlich noch eine weitere Symbol-Ebene hinzu, die wir bereits im Juni-Journal als verdiente Verdrängung der selbstgerechten Schöpfungskrone durch ein freches Bärtierchen interpretieren konnten. Respekt, ein geistreich verzwicketes Bild-Paket!


Und welche Abbildungen sind denn nun im Greven-Werk?
Die Antwort ist einfach: so ziemlich alles was man sich wünschen kann - zahlreiche detaillierte Skizzen und Fotos zur Bärtierchen-Anatomie bis hin zum Aussehen ihrer Chromosomen und Spermien, Fotos von den ersten Stadien der Entwicklung im Ei, ein wunderschönes historisches Litho, aber auch breit gefächerte kulturelle Verzweigungen - bis hin zu Bärtierchen-Dystopien im Filmplakatstil - sowie einem Bärtierchen-Bausatz aus dem japanischen Spielzeug-Automaten:


Abb. 5: Der im Buch gezeigte Bärtierchen-Bausatz aus Japan, vor ...

Abb. 6: ... und nach der Montage!

Mehr möchten wir nun aber hier wirklich nicht verraten - Bärtierchen- und Ameisenbuch sind jedenfalls beide bildwert und kaufenswert!



Anmerkung
Hartmut Grevens Verlag ist sehr viel kleiner als der von Susanne Foitzik, weshalb wir hier ausnahmsweise die Bezugsquelle des "Tardigrada"-Werks nennen möchten.
Der Direkt-Link zur Bestellung lautet: https://verlagnw.de/bestellung-tardigrada


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach