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Hartmut Grevens "Tardigrada" (Teil 1: Äußerlichkeiten)

Reifliche Kontemplation brachte uns zu der Einsicht, dass die Besprechung eines 250 Seiten starken Fachbuchs mit den recht bescheidenen Stilmitteln des Bärtierchen-Journals (bildlastig, extrem knapper Text) nicht seriös zu bewältigen sein dürfte. Es gibt jedoch einen Ausweg: Wir wählen ein neues Format, nämlich die Parallel-Besprechung zweier Fachbücher!
Und, keine Sorge, so viel sei gleich vornweg verraten: Es gibt hier keine Gewinner und Verlierer - sondern einfach zwei Gewinner. Davon sollten sich die Liebhaber sinnfrei-dumpfen Konkurrierens, z.B. bei Fußball und Olympia, mal eine Scheibe abschneiden!

Die zwei hier vorgestellten Bücher haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten (und nicht nur, dass sie uns beide von liebenswerten Menschen geschenkt wurden). Sie widmen sich ähnlich liebevoll, ja vielleicht sogar ein wenig besessen, winzigen Gliedertieren. Und sie wurden von Profis auf der Basis von jahrzehntelanger, einschlägiger Berufserfahrung in universitärer Forschung und Allwetter-Außeneinsatz verfasst, enthalten deshalb reichlich Primärerfahrung und ernsthaft prickelnde Informationen, die Sie andernorts so nicht finden werden. Beide kosten exakt 25 €, was die Gemeinsamkeit noch weiter unterstreicht.

Es gibt allerdings auch Unterschiede. Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten: Das Titelbild von Prof. Hartmut Grevens "Tardigrada" weist den Erzeuger als Persönlichkeit mit Humor und fachübergreifenden Weitblick aus. Sein Titel-Bärtierchen hat es nämlich geschafft, den langweiligen, nackten Mann aus Leonardo da Vincis berühmtem Geometriegefängnis zu verdrängen! Obendrein ist es, wie auf der Rückseite des Covers eingeräumt, ein "KI-generiertes Bild". Hartmut Greven beließ es - augenzwinkernd - genau so, wie es aus der KI kam, nämlich mit einem anatomisch nicht korrekten vierten Beinpaar. Sowohl Hartmut Greven als auch die Leser des Bärtierchen-Journals wissen nun natürlich, dass das vierte Beinpaar der Bärtierchen um 180° versetzt ist, quasi wie ein Laubrechen nachgezogen wird. Fassen wir die geballte Symbolik des Titelbilds nun wie folgt zusammen: Es weist das darunter liegende Werk als letztes seiner Art aus: Ein sauber geschriebenes, in deutscher Sprache (!) verfasstes, klassisches Papier-Druckwerk (!), in Zeiten einer dramatischen, teils aber noch erkennbar fehlerbehafteten KI-Umbruch-Ära. Sozusagen en passant wirft es die vermeintliche Krone der Schöpfung aus ihrem stolzen Bau und räumt stattdessen der allseits geschundenen Mikro-Kreatur, hier stellvertretend dem Bärtierchen, einen würdigen Platz ein. Bravo!


Abb. 1: "Tardigrada"

Abb. 2: "Weltmacht auf sechs Beinen"


Prof. Susanne Foitziks Cover, genauer gesagt der Schutzumschlag ihres Werks, steht als repräsentativ für die sorgfältige Gestaltung und vorausschauende en gros Vermarktung eines ebenfalls (noch) gedruckten Buchs durch einen sehr viel größeren Verlag. Dieser beauftragt in der Regel Subunternehmen mit der grafischen Gestaltung der Buchumschläge, herrscht insofern über ein Heer von gestalterisch besonders trittsicheren Grafikern. Nicht zuletzt kann er sich bei seinen Entscheidungen auf das souveräne Urteil seiner Grossisten verlassen, die den "Appetizer"-Charakter eines Buchtitels und dadurch auch die Verkaufschancen im Schaufenster der Buchhandlung routiniert einzuschätzen vermögen. Insofern ergibt es durchaus Sinn, auf dem Schutzumschlag einen gerne in Museen gezeigten Ameisen-Star, nämlich die Blattschneider-Ameise zu präsentieren. In Sachen Haptik und Styling lässt man sich nicht lumpen: Schutzumschlag inklusive Blattschneiderbeute, Buchdeckel, Kapiteltrennblätter und sogar das Seitenmerker-Leseband sind in makellos harmonierenden Grüntönen gehalten. Auch bei der Bindung wurde nicht geknausert: Eine klassische Fadenbindung, und diese selbstverständlich aus farblich passendem, grünem Garn gewebt. Genau wie bei Hartmut Grevens hyperintellektuellem Symbolpaket können wir somit auch hier guten Gewissens, und wieder aus der Laiensicht, ein fettes "Bravo" vergeben!


An dieser Stelle erlauben wir uns eine kleine Rückblende auf Hartmut Grevens erstes Bärtierchen-Buch, erschienen 1980 in der "Neuen Brehm-Bücherei" des Amandus Ziemsen Verlags (DDR):


Abb. 3: Das nicht glamour-heischende Cover des Ur-Greven von 1980.

Genau wie das "Tardigrada"-Werk von 2026 ist auch der Ur-Greven ein Markstein seiner Zeit. In seiner Seriosität und Bescheidenheit steht dieses Buch noch erkennbar in der Tradition der legendären naturkundlichen KOSMOS-Bändchen (diese ebenfalls kleinformatigen Bücher waren für so manche spätere Profi-Biologen in Deutschland prägend, hatten durchaus Suchtcharakter). An traumhafte Grünharmonien, lichtes Textlayout und passend edle Kapitel-Trennblätter dachte damals noch niemand. Und natürlich hätte es auch niemand gewagt, womöglich ein Bärtierchenbild mit akzentuierenden Äuglein künstlich aufzuhübschen, wie es heute gelegentlich passiert ...

Wohl einzige neuzeitliche Sünde war die, damals bei vielen naturkundlichen Büchern praktizierte Celluloseacetat-Nasskaschierung der Bucheinbände: Durch eine aufgeklebte, ultradünne Kunststoff-Folie erhielt der ansonsten irden-matte Buchumschlag nun einen, als zeitgemäß empfundenen Glanz. Wer heute noch viel in altmodischen Bibliotheken unterwegs ist, weiß wovon die Rede ist: Die Acetat-Folie löst sich mit der Zeit ab, zerfällt in viele kleine, stark knisterne Fragmente. Ein Buchhaptik-Erlebnis der besonderen Sorte.

Zur Ehrenrettung des Ur-Greven sei angemerkt, dass er auch heute noch sehr respektable Gebrauchtpreise erzielt, und dies völlig zu Recht: Es steht nichts ernsthaft Falsches drin. Auch eignet er sich gleichermaßen für Anfänger und Fortgeschrittene.

A propos respektabel: Leider stellen wir immer wieder fest, dass derartige Perlen, speziell Bärtierchen-Perlen, in städtischen Bibliotheken gerne ausgemustert werden, wie anscheinend hier in einer Berliner Stadtbibliothek geschehen:


Abb. 4: "... aus dem Bestand entfernt" - ein offensichtlich von der Stadtbezirksbibliothek "Prenzlauer Berg" ausgesonderter Ur-Greven.

Nach 46 Jahren war es, wie Hartmut Greven in seinem neuen "Tardigrada"-Werk erklärt, nicht mehr mit ein klein wenig Überarbeiten getan. Das Nachfolgewerk musste von Grund auf neu geschrieben werden (siehe grüner Link unten).


Möglicherweise möchten nun Sie, werte Leserinnen und Leser, nicht lediglich weiter auf die Buchcover starren, sondern auch Konkreteres über die Innereien erfahren?

Folgende drei Wege führen zum Ziel:

(1) Empfohlen: Sie kaufen das "Tardigrada"-Werk - und das Ameisenbuch gleich mit dazu! Da das Ameisenbuch bereits 2019 erscheinen ist, können besonders knausrig veranlagte Mikroskopiker auch auf dem Gebrauchtmarkt Ausschau halten.
(2) Weiterhin empfohlen: Sie werfen einen Blick in den freundlicherweise vom Verlag des "Tardigrada"-Buchs bereitgestellten Appetizer, der schon mal das Vorwort und das sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis offenbart:
Ein kleiner Blick ins Innere des "Tardigrada"-Buchs
(3) Oder Sie gedulden sich noch ein wenig und warten auf die nächsten Ausgaben des verlässlich seicht dahinplätschernden Bärtierchen-Journals!



Anmerkung
Hartmut Grevens Verlag ist sehr viel kleiner als der von Susanne Foitzik, weshalb wir hier ausnahmsweise die Bezugsquelle des "Tardigrada"-Werks nennen möchten.
Der Direkt-Link zur Bestellung lautet: https://verlagnw.de/bestellung-tardigrada


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach