[Titelfragment 1.1] [Titelfragment 1.2] Titelfragment 1.3]
[Titelfragment 2.1] [Titelfragment 2.2] [Titelfragment 2.3]
[Titelfragment 3.1] [Titelfragment 3.2] [Titelfragment 3.3]


Aktueller Hinweis: Prof. Hartmut Grevens mit Spannung erwartetes Buch "Tardigrada" kommt gerade frisch aus der Druckerpresse. Wir werden es in einem der folgenden Journale noch angemessen ausführlich würdigen. Bereits vorab sei jedoch betont, dass der Nestor der deutschen Bärtierchenforschung hier nicht lediglich ein dürres Alterswerk vorlegt, auch kein blutarm-akademisches Krallenvermessungskonvolut, sondern vielmehr eine eindrucksvoll umfassende Gesamtbetrachtung des Themas "Bärtierchen", mit allen seinen Facetten - beginnend bei der Entdeckungsgeschichte, weiterführend in eine tief greifende Beschreibung der Anatomie und noch viel mehr, aber auch mit souverän-augenzwinkernden Hinweisen auf die moderne Bärtierchen-Popkultur! Gleichermaßen soliden und trotzdem unterhaltsam formulierten Bärtierchenstoff wird man nirgends finden - und dies bei unglaublich günstigen 10 Cent pro Seite.
Bestellung über https://verlagnw.de/bestellung-tardigrada


Unsere Taxonomie-Serie - in Kooperation mit Dr. Rolf Schuster**
Folge #21: Cornechiniscus cornutus

Hand aufs Herz - wohl jeder zoologisch Mikroskop-Forschende wünscht sich gelegentliche Begegnungen mit spektakulären, oder zumindest ungewöhnlichen Arten. Und wer stundenlang am Mikroskop herumbuckelt, verdient einfach gelegentlich persönliche Primär-Erfahrungen, welche einen allabendlichen "Tatort"-Konsum in den Schatten zu stellen vermögen!

Cornechiniscus -Bärtierchen bedienen diesen Wunsch nach etwas mehr Mikro-Glamour in geradezu perfekter Weise. Als wir vor über 20 Jahren zum ersten Mal ein Cornechiniscus-Bärtierchen fanden und fotografierten, strahlte uns eine Art Schachtelteufelchen entgegen:


tardigrades tardigrada bärtierchen detail echiniscus

Abb. 1: Cornechiniscus-Bärtierchen aus Sümeg in Ungarn. Lebendaufnahme mit der damals üblichen, recht bescheidenen digitalen Fototechnik. Ohne künstliche Anfärbung, aber mit farbwirksamer Mischbeleuchtung.


[cornechiniscus cornutus]

Abb. 2: Im behelfsmäßigen Dunkelfeld, mit einer schwarzen Pappkartonscheibe im Filterhalter, kam dann noch die Assoziation mit einem professionell bebrillten Oldtimer-Mobilisten oder Gletscherforscher auf! Die Körperlänge des hier gezeigten Exemplars beträgt knapp 300 µm.


Die folgende Zeichnung illustriert die wichtigsten Merkmale der Kopfregion und deren Nomenklatur:


[tardigrades cornechiniscus cornutus head]

Abb. 3: Blick auf den Kopf von Cornechiniscus cornutus,
von der Bauchseite her, schematisch.
CMI: Cirrus medialis internus
CME: Cirrus medialis externus
P: Papilla cephalica
H: Horn
Sp: Speiseröhre
St: Stilett

Achtung: Die Papilla cephalica (P) erinnert zwar an ein Auge, die linsenförmigen, tiefer im Kopfinneren befindlichen Augen sind jedoch hier nicht eingezeichnet (vgl. übernächstes Foto unten).


tardigrades tardigrada bärtierchen detail echiniscus

Abb. 4: Das namensgebende Horn, etwas näher betrachtet. Seine Länge beträgt hier ca. 25 µm. Es ist spitz, dolchförmig, inwendig verstärkt und über eine Art Einschnürung, quasi ein halbstarres Gelenk, mit der Schulterplatte verbunden.


[tardigrades cornechiniscus cornutus]

Abb. 5: Blick von oben auf den Kopf von Cornechiniscus cornutus. Während die Augen bei frontaler Betrachtung - wie in Abb. 1 - kreisförmig erscheinen, offenbart sich in dieser Dorsalansicht ein gekrümmtes, bohnenförmiges Profil.


[tardigrades cornechiniscus cornutus]

Abb. 6: Bei der Untersuchung der Geometrie des Kopfes von Cornechiniscus cornutus erreicht man schnell die Grenzen der räumlichen Darstellung im Lichtmikroskop:
Die Mundöffnung und die Cirri externi sind zwar hier recht gut zu sehen, die oben erwähnten Papillen und besonders die Cirri interni versinken jedoch bereits wieder in der Unschärfe.


[tardigrades cornechiniscus cornutus]

Abb. 7: Schärfeeinstellung auf die Cirri externi von Cornechiniscus cornutus bei nach vorne gestrecktem Kopf.
Unsere Vorstellungen von einem typisch ungarischen Schnurrbart bestätigen sich jedenfalls, das Tier kommt ja, wie bereits erwähnt, aus Sümeg in Ungarn.


Cornechiniscus cornutus hat auch an den Hinterbeinen Papillen, bei denen vielleicht ebenfalls eine sensorische Funktion anzunehmen ist.


[tardigrades cornechiniscus cornutus]

Abb. 8: Blick auf den Hinterleib von Cornechiniscus cornutus,
von der Bauchseite her.
P: Papille
Ansonsten: an jedem Fuß vier gleichartige Krallen.


tardigrades tardigrada bärtierchen detail echiniscus


Abb. 9: W-förmige Struktur und dort waagrecht verlaufender, nur schwach texturierter Bereich auf der, ansonsten deutlich strukturierten Schulterplatte. Die Panzerplatten sind weitgehend mit einem Muster aus in etwa gleich großen und gleichmäßig verteilten, halbkugelförmig erscheinenden Pusteln bedeckt. Diese täuschen im Durchlicht Löcher vor, sind jedoch mit etwas Mühe in der Seitenansicht (hier links an der Kopfplatte) als erhaben erkennbar.


Auch wenn es vielleicht nicht sehr spannend klingt: Die Struktur der Panzerplatten nimmt in der taxonomischen Fachliteratur einen breiten Raum ein und soll deshalb hier auch am Beispiel von C. cornutus gezeigt werden.


[tardigrades cornechiniscus cornutus ]

Abb. 10: Panzerung von Cornechiniscus cornutus, Rückenansicht, schematisch.
Die Rumpfplatten I bis III sind in der Zeichnung grau eingefärbt. Die, für die Systematik wichtige, zusätzliche Panzerplatte am Hinterleib, in der Literatur meist "Rumpfplatte IV" genannt, ist hier rot eingetragen.
Man vergleiche mit der Panzerung der "normalen" Echiniscen, wo eben diese Platte fehlt.
Echiniscen mit dieser zusätzlichen Panzerplatte wurden früher als Pseudechiniscen bezeichnet, deshalb hieß Cornechiniscus cornutus früher Pseudechiniscus cornutus.


Zur Namensgebung
Easy: Der Name Cornechiniscus cornutus scheint ein wenig doppelt gemoppelt. Wir versuchen es hier mal mit einer provisorischen Übersetzung zu "Horntragendes Horn-Igelchen", wodurch den Hörnern ein angemessener Stellenwert zugestanden ist!



Anmerkungen und Literatur

(*) Der Bärtierchenspezialist, Partner und Co-Autor dieser Taxonomie-Serie, Dr. Rolf Schuster, berät Sie gerne bei tiefer schürfenden taxonomischen Fragestellungen und bei der Bestimmung der von Ihnen gefundenen Bärtierchen. Schreiben Sie einfach eine Mail an Rolf Schuster !

(*) Ab sofort gibt es einen, quasi mitwachsenden Bärtierchen-Bestimmungsschlüssel aus der Hand von Dr. Rolf Schuster: Hier geht es zum aktuellen Schlüssel !


Hieronim Dastych (1988), The Tardigrada of Poland. S. 58-59.
Monografie Fauny Polski 16, 1988.

Hartmut Greven (2018), From Johann August Ephraim Goeze to Ernst Marcus: A Ramble Through the History of Early Tardigrade Research (1773 until 1929).
In R. O. Schill (Ed.), Water Bears: The Biology of Tardigrades (pages 1-55). Springer, Cham.

Hartmut Greven (2026), Tardigrada. Neuerscheinung!
Verlag Natur & Wissenschaft. ISBN: 978-3-96212-015-3.


Walter Maucci (1986), Tardigrada, S. 165-167.


Hauptseite



© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach