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Brandaktueller Hinweis: Prof. Hartmut Grevens mit Spannung erwartetes Buch "Tardigrada" kommt gerade frisch aus der Druckerpresse. Wir werden es in einem der folgenden Journale noch angemessen ausführlich würdigen. Bereits vorab sei jedoch betont, dass der Nestor der deutschen Bärtierchenforschung hier nicht lediglich ein dürres Alterswerk vorlegt, auch kein blutarm-akademisches Krallenvermessungskonvolut, sondern vielmehr eine eindrucksvoll umfassende Gesamtbetrachtung des Themas "Bärtierchen", mit allen seinen Facetten - beginnend bei der Entdeckungsgeschichte, weiterführend in eine tief greifende Beschreibung der Anatomie und noch viel mehr, aber auch mit souverän-augenzwinkernden Hinweisen auf die moderne Bärtierchen-Popkultur! Gleichermaßen soliden und trotzdem unterhaltsam formulierten Bärtierchenstoff wird man nirgends finden - und dies bei unglaublich günstigen 10 Cent pro Seite.


Unsere Taxonomie-Serie - in Kooperation mit Dr. Rolf Schuster**
Folge #19: Florarctus sp.

Florarctus sp. fanden wir nur einmal im Meersand, und zwar vor der kroatischen Insel Krapanj. Es handelt sich um eine relativ seltene Art, vielleicht etwas zu ausgefallen für unsere populäre Taxonomie-Reihe - aber einfach charmant und irgendwie spannend. Florarctus repräsentiert, ähnlich wie der hier im Journal bereits vorgestellte Echiniscoides sigismundi eine marine Nischenexistenz, die seinem bizarren "Gewand" geschuldet ist. Dieses ist sehr dünn und transparent, verrät sich meist nur schwach, vor allem durch die Anhaftung kleiner Sand- oder Detrituspartikel.


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Abb. 1: Florarctus sp. aus einer vor der Insel Krapanj geborgenen Meersandprobe. Körperlänge ca. 0,2 mm.

Ähnlich wie der im Januar-Journal vorgestellte Halechiniscus hat auch Florarctus an jedem Bein vier Krallen. Die Krallen weisen bei Halechiniscus sternförmig nach außen, sind bei Florarctus jedoch in charakteristischer Weise um eine fiktive Symmetrieachse gestaffelt:


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Abb. 2: Die Krallen des Florarctus sp. aus Krapanj bei unterschidlichem Streckungsgrad. Im Hintergrund ist andeutungsweise der gelappte Umriss des "Umhangs" zu erkennen.

Auch wenn wir mit unserem recht bescheidenen Urlaubsmikroskop hier schon an der Grenze angelangt sind, wollen wir doch ein wenig näher an eine solche Kralle heranzoomen:


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Abb. 3: Eine Florarctus sp. Kralle bei höchster Vergrößerung

Florarctus hat den von anderen marinen Tardigraden gewohnten "Antennenwald" mit mutmaßlich innervierter Sensorik, die im folgenden Bild andeutungsweise zu erkennen ist:


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Abb. 4: Der Florarctus sp. Vorderleib und Kopfbereich in der Detailansicht. Augenpigment ist nicht vorhanden-

Eine sehr enge Speiseröhre und die zarten Stilette weisen auf einen braven Vegetarier hin, der vorzugsweise Algen auf den Meeressandkörnern abweidet.


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Abb. 5: Der Florarctus sp. Mundapparat mit schmaler Speiseröhre und delikaten, sanft geschwungenen Stiletten

Wegen seines hinderlichen Umhangs kann sich Florarctus nicht ohne Weiteres in die kleinen Zwischenräume des Sandes einzwängen. Wir sollten vielmehr davon ausgehen, dass diese Tardigraden sich auch mal nach Art eines Lilienthal-Gleiters über kleine Distanzen hinweg von der Strömung tragen lassen oder mit ihr paddeln - darauf weist auch der in den Artbeschreibungen für die Gewandlappen gebrauchte Begriff der "Alae" (= Flügel) hin. Das Im-Wasser-Gleiten bzw. moderate Fliegen sei hier folgend veranschaulicht:


[ Florarctus sp., frontal ] [ Florarctus sp., frontal ]

Abb. 6a: Florarctus sp., frontal (I)

Abb. 6b: Florarctus sp., frontal (II)


Taxonomische Einordnung
Bei den hier gezeigten Individuen könnte es sich um Florarctus hulingsi handeln [Renaud-Mornant 1976], die im Mittelmeer gängigste Florarctus-Art. Die Wikipedia listet 14 aktuell bekannte Florarctus-Arten auf, eine weitere Quelle nennt 15 Arten, auf alle Fälle sind es nicht allzu viele. In einigen Fällen stellte sich allerdings heraus, dass das manchmal sehr unterschiedliche Aussehen der Männlein und Weiblein zu falschen Artenscheidungen geführt hatte, die angesichts fruchtbarer Vermehrungstendenzen der vermeintlich unterschiedlichen "Arten" wieder revidiert werden mussten ...
Florarctus ist übrigens ein relativ junges Genus [Delamare Deboutteville und Renaud-Mornant 1965].



Zur Namensgebung
Auch das Genus Florarctus kann sich über einen, für manch gestrengen Wissenschaftler möglicherweise etwas zu emotionslastig klingenden Eigennamen freuen: Aus dem lateinischen Namensfragment "flos, floris" (lateinisch für "Blume") und dem anschließenden "arctos" (griechisch für "Bär") können wir die sprachlich erstaunliche Wortschöpfung "Blumenbär" ableiten! Sie spielt auf die, teils nach Art von Blütenblättern gegliederten, rundlich auslaufenden Gewandformen an.



Anmerkungen und Literatur

(*) Der Bärtierchenspezialist, Partner und Co-Autor dieser Taxonomie-Serie, Dr. Rolf Schuster, berät Sie gerne bei tiefer schürfenden taxonomischen Fragestellungen und bei der Bestimmung der von Ihnen gefundenen Bärtierchen. Schreiben Sie einfach eine Mail an Rolf Schuster !

(*) Ab sofort gibt es einen, quasi mitwachsenden Bärtierchen-Bestimmungsschlüssel aus der Hand von Dr. Rolf Schuster: Hier geht es zum aktuellen Schlüssel !


Claude Delamare Deboutteville & Jeanne Renaud-Mornant (1965), Un remarquable genre de Tardigrades des sables coralliens de Nouvelle-Caledonie.
Comptes Rendus de l' Academie des Sciences, Paris. 260: 2581-2583.

Piotr Gąsiorek, David Møbjerg Kristensen, & Reinhardt Møbjerg Kristensen (2021), Extreme secondary sexual dimorphism in the genus Florarctus (Heterotardigrada: Halechiniscidae). Mar. Biodivers. 51, 52 (2021). https://doi.org/10.1007/s12526-021-01183-y
https://doi.org/10.1007/s12526-021-01183-y

Hartmut Greven (2018), From Johann August Ephraim Goeze to Ernst Marcus: A Ramble Through the History of Early Tardigrade Research (1773 until 1929).
In R. O. Schill (Ed.), Water Bears: The Biology of Tardigrades (pages 1-55). Springer, Cham.

Hartmut Greven (2026), Tardigrada. Neuerscheinung!
Verlag Natur & Wissenschaft. ISBN: 978-3-96212-015-3.


Walter Maucci (1986), Tardigrada, S. 42-45.

Jeanne Renaud-Mornant (1976), Le genre Florarctus Delamare Deboutteville et Renaud-Mornant, 1965, en Mediterranée. Bulletin du Muséum national d'Histoire naturelle, troisième serie no. 369, mars-avril 1976, S. 325-333.
[Anmerkung: Dieser Artikel darf als Paradebeispiel für eine exzellente Bärtierchen-Publikation gelten: mit angemessen kompaktem Seitenumfang, deshalb sehr gut lesbar, samt exzellenten Zeichnungen, angesichts derer wir Mikrofotografen vor Scham in Grund und Boden versinken müssten!]


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach