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Step-wise? - neue LEDs fürs Mikroskop (Bärtierchen-Kaltlicht II)
Vom 230V Bärtierchen-Grill zur brauchbaren LED-Mikroskopbeleuchtung


Thema des letzten Journals war eine neu angebotene LED-Leuchtmittel-Bauform, die sich besonders für die Mikroskopie eignet. Der Vorteil beruht auf einer, für uns besonders günstigen Kombination von standardisierter Bauform, hoher Lichtintensität bei gleichzeitig geringer Wärmeentwicklung und im Mikroskop effizient nutzbarer Abstrahlungsrichtung. All dies sind Eigenschaften der LED-Lampe #4 mit E14-Gewinde (Abb. 1):


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Abb. 1: Die mühsame Metamorphose der 230V Backofenlampe in Richtung brauchbare LED
(1)  Klassische 230V Glühbirne mit 25 Watt Leistung. Vorsicht: Ein Bärtierchen-Grill! (109)
(2)  Eine frühe, ungünstigerweise nach allen Seiten abstrahlende LED-Lampe (10 ... 20)
(3)  Eine etwas modernere, mattierte LED-Lampe mit schon etwas höherer Leistung (30)
(4)  Unser Favorit - LED-Lampe mit 24 kleinflächig abstrahlenden LEDs (112)
Die roten Zahlen stehen für die jeweilige, ungefähre relative Helligkeit am Mikroskop. Zugegeben, mikroskopische Monsterleuchten könnten in diesem Vergleich mit relativen Helligkeiten bis zu etwa 1000 (!) punkten. Für die Bärtierchen kommen derartige Lichtgrills allerdings nicht in Frage.

Die folgende Abb. 2 zeigt, wie die 24 LED-Elemente der oben gezeigten Lampe #4 auf einer verhältnismäßig kleinen, ebenen Fläche angeordnet sind:



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Abb. 2: Nahaufnahme der Leuchtfläche im gedimmten Zustand. Bei höherer Lichtintensität erscheinen die LED-Elemente als einheitlich weiße, blendend helle Fläche.

Das wunderschöne Leuchtmittel hat, wie in Abb. 1 zu sehen, ein sogenanntes E14-Gewinde, d.h., das Gewinde einer althergebrachten Glühbirne der kleineren Sorte. Dank dieses Gewindes kann das Leuchtmittel in praktisch alle alten Mikroskop-Beleuchtungen eingeschraubt werden, die ursprünglich mit einer herkömmlichen 230V Backofenlampe ausgerüstet waren. Das sind sehr viele Ansteckleuchten, aber auch viele Einbauleuchten. Dies sei am Beispiel eines altehrwürdigen Hertel & Reuss Mikroskopes demonstriert:



[ Hertel&Reuss Mikroskop CN-hF-BINfo-VK-ZT, um 1970 ]

Abb. 3: Hertel & Reuss Mikroskop, Serien-Nr. 93380, Baujahr um 1970. Binokular, mit Fototubus (okay: trinokular). Wahlweise mit Hoch- oder Niedervoltbeleuchtung ausgestattet. Gemäß der herstellungszeitlichen  Hertel & Reuss-Nomenklatur handelt es sich um ein "CN-hF-BINfo-VK-ZT" (zu dechiffrieren als: Modellreihe Cneu/Hoher Fuß/Binokularer Einblick samt Fototubus/Viereckiger Kreuztisch/Kondensorverstellung mit Zahn und Trieb). Der Listenpreis einer vergleichbar ausgestatteten CN-hF-Version belief sich im Jahr 1974 auf immerhin DM 1658.-- (netto), was kaufkraftbereinigt einem heutigen Preis von rund € 2000.-- entsprechen dürfte.

Das Hertel & Reuss Lampengehäuse besteht, wie damals noch üblich, aus massiven Metallteilen (ja, ja, von den ungemein empfehlenswerten "modernen" Kunststoffen im Mikroskopbau haben wir gehört. In diesem Zusammenhang sei auf das einzige, notorisch reparaturanfällige Bauteil bei den alten Hertel & Reuss Mikroskopen hingewiesen: die Kunststoffschnecke des Fokustriebs!). Erfreulicherweise ist die Lampe mittels zylindrischer Exzenterfassung justierbar. Wir können die Lampenfassung einfach aus dem Mikroskop herausziehen und schrauben die neue E14-LED-Lampe an Stelle der alten E14-Bärtierchen-Dünstbirne ein. Wer will, kann sich natürlich nach wie vor komplizierte LED-Umbaulösungen für Hunderte von €€€ kaufen. Sollte uns die LED-Lampe mal nicht so ganz zu Willen sein, aus welchen Gründen auch immer, so können wir sie wieder herausnehmen und durch irgend etwas anderes aus dem ungemein breiten E14-Angebot ersetzen. Sie haben die Wahl - bis hin zur peinlichen Flackerkerze mit Totenkopf oder Kruzifix.



[ Hertel&Reuss Mikroskop CN-hF-BINfo-VK-ZT, Rueckseite ]

Abb. 4: Hertel & Reuss Mikroskop, Rückseite mit einfach herausgezogenem Lampengehäuse. E14 Hochvolt-"Backofenlampe" (im doppelten Wortsinn)

[ Hertel&Reuss Mikroskop CN-hF-BINfo-VK-ZT, Rueckseite ]

Abb. 5: Hertel & Reuss Mikroskop, Rückseite mit abgezogenem Lampengehäuse. Auf der Seite des Kabelanschlusses ist die exzentrische Anordung der Lampenfassung sichtbar (Justierfassung). Aus dem Vollen gedreht und praktisch unzerstörbar.

Wenn wir nun die LED-Lampe einschrauben, haben wir eine fast ideale Leuchte für die Bärtierchenmikroskopie: Kaltes Licht, ausreichend hell, preiswert, dauerhaft, leicht, absolut reisetauglich, weil ohne Netzteil.

Kulturpessimisten können sich natürlich nach wie vor im stillen Kämmerlein am ungemein soliden Netzteil eines Steindorff "Mikrobenjäger"-Mikroskopes  erfreuen (Abb. 6). Dieses Netzteil hat durchaus wirksame 30 Watt Leistung und ein standesgemäßes Gewicht von etwa 1 kg. Selbstverständlich sind die metallischen ON/OFF-Schildchen sauber aufgenietet, der Bakelitdrehknopf grobmotorikertauglich und das Ganze in einem massiven, erdbebensicher standfesten Metallgussgehäuse untergebracht. Hinzu kommt die, für den ernsthaften Wissenschafter absolut unverzichtbare analoge Stromanzeige. Man beachte auch die perfekte Nullstellung der spinnenbeindünnen Zeigerspitze. So muss es sein! Irgendwie ärgerlich, wenn das alles jetzt verschwindet, wegen dieser modernen LEDs, nicht wahr?



[ Hertel&Reuss Mikroskop CN-hF-BINfo-VK-ZT, Rueckseite ]

Abb. 6: Netzteil des legendären "Mikrobenjäger"-Design-Mikroskopes.
Leistung: 30 Watt. Gewicht ca. 1 kg.

Es gibt jedoch alternativ auch jede Menge modernerer Mikroskop-Netzteile, die uns assoziativ in unterhaltsamer Weise daran erinnern, dass man heutzutage für die Beschaffung und Verkostung einer Tasse Espresso im Stadtzentrum von München selbstverständlich ein 300 PS SUV einsetzen muss:



[ Neuzeitliches Mikroskop-Netzteil ]

Abb. 7: Mikroskop-Lichtnetzteil eines hier anonymisierten, neuzeitlicheren Herstellers. Wohl in den 1970er oder 1980er Jahren gebaut. Vorderseite mit stufenlosem Leistungsregler und beleuchtetem Ein/Aus-Schalter. Innen gut gefüllt mit professioneller Elektronik. Untergebracht in einem zeittypischen, vergleichsweise bescheiden anmutenden Elektronikdiscounter-Gehäuse. Auf der Frontseite hätte vielleicht noch eine Stromanzeige im Stile von Steindorff Platz gefunden, zur Steigerung des Glamour-Faktors ...

[ Neuzeitliches Mikroskop-Netzteil ]

Abb. 8: Rückseite des oben gezeigten Mikroskop-Lichtnetzteils

1  Schutzkontakt-Netzanschluss, sehr solide
2  Dreisprachige Sicherheitshinweise, für geistig Minderbemittelte
3  Drehfreudiger Ventilator, mit recht lebendigem Geräusch
4  Das "CE"-Schild. Beurteilungskriterium für Zollbehörden usw. - sehr erfreulich!
5  Proprietärer Anschluss für das Mikroskoplampenkabel (leider mit nix kompatibel)
6  Kippschalter, zur zeitweiligen Stilllegung des absolut nervigen Ventilators
7  Das Typenschild, es verät uns die elektrische Gesamtleistungsaufnahme (30 Watt)
8  Hier bindet das, absolut bergsteigertaugliche Erdungskabel von innen an
9  Lüftungsschlitze, die uns dezent auf die ungeheure Power des Boliden hinweisen.

Wegen des proprietären Lampenkabelanschlusses darf nichts kaputtgehen und man kann natürlich auch keine andere Lampe, beispielsweise mittels Bananenstecker anschließen - ein verkaufstaktisch geschickter Schachzug. Von den 30 Watt Gesamtleistung werden leider 6 Watt, d.h. die doppelte Leistung der oben propagierten LED, für den reinen Standbybetrieb benötigt (Power-Lampe, Ventilator, Elektronik). Für die Lampe verbleiben dann logischerweise nur noch 24 Watt.

Oder, nochmal kurz zusammengefasst für alle, die chronisch an Zeitnot leiden, es jedoch trotzdem noch geschafft haben, hier schnell bis zum Seitenende zu scrollen: Die neuen LEDs sind ein brauchbarer Ersatz für praktisch alle alten Hochvolt-Mikroskop-Leuchtmittel mit E14-Gewinde, die zu viel Hitze abstrahlen. Kein Löten, keine teuren Spezialanfertigungen, wunderbares Bärtierchen-Kaltlicht!

Sie haben die Wahl: Luftige LED-Cleverness oder nostalgisches SUV-Licht?



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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach