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With a twist: Verdrehte Optik!

Bizare optische Instrumente haben hier im Journal immer mal wieder Platz gefunden. Für eifrige (möglicherweise sogar ein ganz klein wenig besessene) Mikroskopiker möchten wir diesmal ein ganz besonderes Praliné vorstellen:


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Abb.1: hier, quasi überirdisch schwebend - eine bizarre, wohl etwa 140 Jahre alte Torsionslupe! 3,2 Zentimeter winzig, mit einem Gewicht von 5,56 g, 25fach vergrößernd (und zwar echte 25x, kein armseliger Internet "Triplet"-Schwindel für geistig Minderbemittelte)

Dieses bemerkenswerte Instrument entstand wohl ab den 1880er Jahren, und zwar in zwei unterschiedlich vergrößernden Varianten [microscope-antiques.com].
Im Internet wird vorzugsweise, vielleicht sogar ausschließlich, die größere, schwächer vergrößernde Bauform (laut Katalog: "3/4 Zoll") gezeigt, weshalb hier ausnahmsweise das kleinere, seltenere Modell ("1/2 Zoll") mit voll ausgereizter Coddington-Optik über unseren Catwalk-Laufsteg spazieren darf.


Optische und mechanische Gemeinsamkeiten: Beide Instrumente entsprechen dem, leider nicht völlig trennscharf definierten Typus der "Coddington-Lupe". Eine Coddington-Optik besteht stets aus nur einer einzigen, zylindrischen Glaslinse mit einer gürtelartigen, geschwärzten Einschnürung, die als bildqualitätsverbessernde Blende wirkt. Boden- und Deckfläche der Coddington-Linse sind normalerweise gleichartig konvex ausgeformt - jedoch in der Regel deutlich schwächer als halbkugelig gekrümmt. Im vorliegenden Fall werden die vorne und hinten hervorragenden Glaswölbungen durch zwei, an Suppenkellen erinnernde Metallkappen geschützt. Die Schließung des Gehäuses und somit auch den Schutz der Optik bewirkt ein partiell gewundener Vierkant-Optikkopfträger. Dieser Vierkant ist in einem kleinen Metallblock an der Basis des Instruments drehbar gelagert - man sieht seine kleine Sicherungskappe ganz unten am Gehäuse. In Abb. 1 ist die Lupe geöffnet, der geriffelte Bedienschieber befindet sich hierbei in unterster Position. Sobald man diesen Schieber um einen Zentimeter nach oben bewegt, dreht sich der Optikkopf-Vierkant um 90° vor die schützenden Metallkappen - und das Gehäuse ist geschlossen.
Der Glaszylinder wurde sehr präzise in seine Fassung eingepasst, dann anscheinend mit Hilfe eines winzigen, kaum erkennbaren Schlitzes am Gehäuse abschließend verpresst. Herstellersignaturen fehlen an allen uns bekannten Instrumenten.

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Abb.2: Ein Blick in den Maschinenraum, zum besseren Verständnis der Schutzkappenfunktion.
Die beiden Abbildungen zeigen die Lupe im geschlossenen Zustand, vor der Optikkopf-Freigabe. Hierbei befindet sich der geriffelte, ovale Schieber in der oberen Position. Sobald der Schieber nach unten gezogen wird, zwingt er den drehbaren Optikkopfträger-Vierkant um 90° nach links, wodurch sich dieser zum Betrachter hin orientiert (und die rechte Linse nach vorne zeigt).
Man beachte, dass der Schieber neben der Vierkantpassage auch noch zwei luftig dimensionierte Durchlässe für die Schutzkappenträger aufweist, sie bei der Vierkantdrehung deshalb nicht beeinflusst. Aus diesem Grund nimmt die Schieberposition keinen Einfluss auf die Orientierung der Schutzkappen!

Die Materialvarianten: Das bei [microscope-antiques.com] gezeigte Text-Snippet aus dem R. & J. Beck-Katalog von 1888 benennt folgende Gehäusematerial-Varianten: vernickeltes Messing, Neusilber ("German Silver", d.h. eine Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink), Silber und Gold. Umgerechnet auf heutige Kaufkraft kosteten die einfacheren Varianten etwa 150 €, die Goldversion das Vierfache. Das in Abb. 1 gezeigte Instrument besteht aus vernickeltem Messing, gut zu erkennen am teilweise durchschlagenden, gelblichen Grundmaterial. Optikkopf und Schutzkappen sind an ihren Tragarmen hartverlötet.

Größenunterschied: Die schwächer vergrößernde 3/4-Zoll Version ist 57 mm lang, ihr Optikkopf 12,5 mm breit [microscope-antiques.com], während das kleinere Instrument mit 32 mm Länge und 9,5 mm Kopfdurchmesser in einer geschlossenen Hand, nicht mehr ernsthaft spürbar, verschwindet. Angemerkt sei noch, dass die größere Gerätevariante mit einer Halte-Öse versehen ist, die kleinere jedoch darauf verzichtet und dementsprechend heftig verlustgefährdet ist!


Brennweitenmessung und Gebrauchstauglichkeit des 1/2 Zoll Modells
Mit Hilfe der früher hier im Journal (Juli und August 2022) beschriebenen Brennweitenmessung ermittelten wir eine Vergrößerung von 25,8 ± 0,5 mm, die erstaunlich genau mit einer, ebenfalls bereits früher gezeigten "Brewster-Lupe" (auch mit Coddington-Optik, beschrieben im September 2022/Abb. 4) übereinstimmt.
So richtig spannend wird es allerdings erst im Gebrauchstest: Mit der in Abb. 1 gezeigten Lupenvariante ist die 10 µm Teilung eines gängigen Mikroskop-Objektmikrometers exzellent auflösbar - jedoch leider nicht für jedermann. Bei einem Sehfeld von nur 4 mm gilt es zunächst einmal, das jeweils interessierende Objektdetail überhaupt zu finden. Erschwerend hinzu kommt der winzige freie Arbeitsabstand von nur etwa 3 Millimetern. Wer unter diesen strengen Randbedingungen dann achsenrichtig präzise und zitterfrei zu fokussieren versteht, wird mit einer traumhaften Bildqualität belohnt, die im Zielkreis einem Steinheil-System nicht merklich unterlegen ist. Glücklich schätzen darf sich insofern vor allem Mikro-Superman, der damit natürlich locker klar kommt! Die im Internet häufig kolportierte Behauptung, dass das Ende der Coddington-Fahnenstange bereits bei 20facher Vergrößerung erreicht sei, darf jedenfalls als falsch und überholt gelten. Zweifellos markiert das in Abb. 1 gezeigte Instrument die absolute Krone aller Coddington-Schöpfungen - in der Hand von Spezialisten. Es verdient insofern unser heiß begehrtes James-Bond Gadget-Prädikat!


Quellen;
Die "Twisted Coddington" bei microscope-antiques.com


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach