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Bärtierchen: das große Fressen bzw. das Fressen der Großen (III)

Bereits vor etwa 15 Jahren hatten wir unsere liebevoll gehegte Rubrik Zitat des Monats mit Blick auf die recht bescheidenen Zugriffszahlen aufgegeben. Wir dachten damals, dass sie einfach nicht gut genug gewesen sei und deshalb wegfallen müsse.
Aus heutiger Sicht erscheint es plausibler anzunehmen, dass der User (oder die Userin) bereits damals, wohlgemerkt noch vor YouTube und Instagram, vom Klicken bereits dermaßen erschöpft gewesen sein könnte, dass die Zeigefingermuskular einen zusätzlichen Knicks in Richtung auf das Zitat des Monats einfach nicht mehr zuließ.

Unter anderem kam damals (genauer gesagt: im August 2005) der prominente Bärtierchenforscher Prof. Ferdinand Richters mit folgendem Ausruf der Enttäuschung zu Wort:

"Wie selten sieht man ein Bärtierchen fressen!"

Quelle: Ferdinand Richters: Arktische Tardigraden.
Fauna Arctica 3 (1904) S. 497.


Zugegeben, das Zitat klingt ein wenig überspitzt, vor allem wenn man bedenkt, dass beispielsweise marine Tardigraden die meiste Zeit ihres Lebens damit verbringen, nach Staubsaugerart unaufhörlich und mit unendlicher Geduld winzige Algen von den Sandkörnern am Boden der Ozeane abzuweiden. Andererseits sei angemerkt, dass ein erwachsener terrestrischer Tardigrade sich den Magen durchaus binnen weniger Sekunden füllen kann, nachdem er eine appetitliche Closterium-Alge binnen Sekunden zu leicht verdaulichem, grünem Brei geschreddert hat.

Die Wahrheit liegt meist in der Mitte zwischen diesen zeitlichen Extremen: Größere Tardigraden saugen ihre Nahrung mehr oder weniger genüsslich auf, normalerweise über viele Minuten hinweg. Manchmal ergeben sich hierbei jedoch klassische, bärtierchen-anatomisch bedingte Probleme, etwa wenn ein Bärtierchen versucht, einen Algenfaden zu fressen und dieser quasi unendlich lang erscheint (das Bärtierchen hat nun mal keinen Cutter, mit dem es die längliche Mahlzeit nach Belieben beenden könnte).

Macrobiotus richtersi hat aus dem Längsfadenproblem offensichtlich gelernt, sei es nun durch Evolution oder durch Lebenserfahrung. Viele Probleme im Leben lassen sich eben mit Erfahrung und ein wenig Kreativität bewältigen: Macrobiotus richtersi ist quasi ein Querfresser, kann deshalb längliche Fadenwürmer fressen, ohne ein Langfaden-Fressrisiko einzugehen:


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Abb.: Das Bärtierchen Macrobiotus richtersi hat hier einen Fadenwurm seitlich angestochen und lutscht gerade dessen Verdauungskanal heraus. Dieses Verhalten wurde bei der von uns untersuchten Population von Macrobiotus richtersi unter dem Stereomikroskop vielfach beobachtet. Trotz der am Stereomikroskop geringeren Auflösung und den dementsprechend schlechteren fotografischen Möglichkeiten war zu sehen, dass die Bärtierchen ihre Opfer allesamt nach Art eines Schnurrbarts, V-förmig vor sich hertrugen statt sie, wie man ebenfalls annehmen könnte, längs zu verschlingen. Denkbar wäre somit eine Art Vorahnung oder Wissen im Bärtierchenhirn, dass Fadenwürmer beim Längsverzehr riskant sein könnten. Schlimmstenfalls könnten sie ja auch ein klein wenig zu dick sein und dann womöglich auf halber Strecke in der Mundröhre steckenbleiben. Man vergleiche hierzu den, bei Milnesium tardigradum beobachteten kulinarischen Umgang mit geometrisch andersartigen Opfern, die offensichtlich durchaus als Ganzes eingesaugt und verschlungen werden können.

Nota bene: Querfressen kann eine kluge Strategie sein. Im Gegensatz zum - derzeit vielfach missbrauchten - Begriff des "Querdenkens" beruht diese jedoch auf linearer Logik, nämlich der Einsicht, dass man als Bärtierchen Fadenwürmer im Zweifel nicht längs verschlingen sollte!


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© Text, Fotos und Filme von  Martin Mach